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Solidarische Grüsse


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ALSO

Arbeitslosenzentrum
Donnerschweer Str. 55
26123 Oldenburg
Tel.: 0441/ 16313
Fax: 0441/ 16394
e-mail: also@also-zentrum.de
Internet: www.also-zentrum.de

 ALSO ▫ Donnerschweer Str. 55 ▫ 26123 Oldenburg


An das Plenum der protestierenden
Studierenden an der Carl von
Ossietzky Universität

Oldenburg, den 10.12.2009


Zündeln für besseres Leben!

Das Plenum der Oldenburger Arbeitslosenselbsthilfe sendet Euch seine solidarischen Grüsse und gratuliert Euch und allen streikenden Studierenden zu der erkämpften öffentlichen Aufmerksamkeit - und dem, was Ihr darüber hinaus noch erreicht habt. Plötzlich sehen sich alle gefordert so zu tun, als wären Eure Kritik und Eure Forderungen eigentlich ihre eigenen, als seien es ihre Ideen gewesen, den ‚Bologna-Prozess’ zu überprüfen,  die Bachelor- und Masterstudiengänge auf ‘Studierbarkeit‘ hin zu überprüfen und all die anderen Ideen, die Eure Proteste Ihnen auf die Tagesordnung gesetzt haben. Fast möchte man meinen, die Bildungsministerin und ihre ‚Kollegen’ hätten in den letzten Wochen die Hörsäale selbst besetzen, wäret Ihr diesen nicht zuvor gekommen.

Aber egal. Es ist uns klar, dass die institutionalisierten politischen Akteure immer versuchen werden, kritische Forderungen für sich zu vereinnahmen und gar zu verdrehen, wenn diese öffentlichen und politischen Rückhalt finden. Aber das sollte niemand entmutigen, sondern Ansporn sein zu begreifen, dass es um so mehr erforderlich ist - und das richtet sich wohl vor allem an all jene Studierenden, die bei den Protesten noch abseits standen - zu begreifen, dass es gilt sich zusammen zu schließen und selbst einzugreifen, wenn mensch nicht für die Interessen anderer funktionalisiert und abgezockt werden will.

Denn: Nur allein machen sie dich ein!

Und das gilt auch für die unterschiedlichen Gruppen in der Bevölkerung, die seitens der Politik und deren Helfern in den Medien so gern gegeneinander ausgespielt werden.
Wir haben uns gefreut, Euch zu treffen und auch einige von Euch am Dienstag bei unserem wöchentlichen Zahltag vor dem Oldenburger Arbeitsamt und zu einer kleinen örtlichen Erkundung begrüßen zu können.

Denn wir sehen viele Gemeinsamkeiten Eurer Proteste mit dem, wogegen wir uns auf dem Arbeitsmarkt und alltäglich in den Arbeitsämtern, den ARGEn, Job-ALSO, Donnerschweer Str. 55, 26123 Oldenburg
An das Plenum der protestierenden Studierenden an der Carl von Ossietzky Universität Centern und wie das alles in Neu-Deutsch immer benannt sein mag, zur Wehr setzen.

Erstens

seid ihr alle in gewisser Weise auch selbst von Erwerbslosigkeit betroffen:
Nicht nur, weil durch Massenarbeitslosigkeit und Hartz IV inzwischen auch die Löhne bei den typischen Studentenjobs immer mehr in den Keller gehen, sondern vor allem, weil es auch mit erfolgreich abgeschlossenem Studium keine Garantie mehr gibt für feste Arbeit und regelmäßiges Einkommen. Ihr werdet wohl alle eine mehr oder weniger gebrochene Erwerbsbiographie in Kauf nehmen müssen mit unbezahlten Praktika, wechselnden Jobs, Zeiten der Erwerbslosigkeit und prekärer Beschäftigung.
Diese Perspektive muss aber nicht nur schlecht sein, sie könnte auch Freiheit, Mobilität und die Möglichkeit zu experimentieren bedeuten – allerdings nicht mit permanenten Existenzsorgen, Unsicherheit und Zukunftsangst im Nacken. Vor allem wird es so keine hoffnungsvolle Perspektive für Kinder und Familie - in welcher Form auch immer - mehr geben.

Wir sehen als Erwerbslose daher ein gemeinsames Interesse mit euch an einer ausreichenden und garantierten materiellen Absicherung, an einem garantierten Grundeinkommen für alle.

Zweitens

sind wir gemeinsam objektiv betroffen von Enteignung und Privatisierung öffentlicher Güter. Nahrung, Wohnraum, Gesundheit, Mobilität und Bildung stehen in unserer reichen Gesellschaft nicht jedem Menschen
selbstverständlich in ausreichendem Maße frei zur Verfügung. Sie werden mehr und mehr zu Investitionsobjekten für spekulatives Kapital und zu Waren, für die wir bezahlen müssen. Es ist die Ideologie des human capital, die sagt, nur was du selbst in dich investierst, kannst du langfristig als Gewinn auch wieder aus dir herausholen. Du bist selbst und ganz allein dafür verantwortlich, wie viel du dich bildest, welches Einkommen du damit später erzielst, wie du dich gesund hältst, wie du für dein Alter vorsorgst.
Bildung, Einkommen, Gesundheit, Altersvorsorge stehen unter dem Druck späterer ökonomischer Verwertbarkeit - Bildung ist nicht mehr die Ausbildung einer ganzheitlichen Persönlichkeit. Die Folgen sind Vereinzelung, Konkurrenz, Leistungsdruck - durch diese Form der Bildung wird ein Typus von Mensch geprägt, den wir kennen: egoistisch, hart, unsolidarisch. Und wer selbst durch diese harte Schule gegangen ist, denkt
nur zu schnell, dass Verlierer selbst Schuld und Erwerbslose nur zu faul zum Arbeiten sind und rechtfertigt Entsolidarisierung und zunehmende Spaltung der Gesellschaft über seinen eigenen Leistungsdruck.

Wir sehen daher als Erwerbslose ein gemeinsames Interesse mit euch an einem großen Bereich der Gemeingüter: Nahrung, Wohnraum, Bildung, Mobilität, Energie und Kultur müssen dem gesellschaftlichen Reichtum entsprechend für alle Menschen gleichermaßen frei zur Verfügung stehen.

Drittens

sind wir noch weitergehend gemeinsam objektiv betroffen, denn nicht nur die Form der akademischen Bildung ändert sich, auch ihre Inhalte und ihre gesellschaftliche Funktion ändern sich. Die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Universität nehmen zu. Es wird gelehrt und studiert, was in der Wirtschaft gebraucht wird. Die Wirtschaft finanziert die Forschung und immer mehr auch die Lehre. Produktivitätsfortschritte sind ohne Fortschritte in den Wissenschaften unmöglich geworden. Die Wissenschaften spielen für das Wachstum der modernen Wirtschaft eine fundamentale Rolle.
Produktivitätsfortschritte aber bedeuten Rationalisierungen, d.h. mit immer weniger Arbeitskraft können immer mehr Waren hergestellt werden. Damit schafft der wissenschaftliche Fortschritt die Voraussetzung für Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit der vergangenen drei Dekaden.

Was sollen die Aufgaben der Bildung und der Wissenschaften in den nächsten Jahrzehnten sein? Was sollen eure Aufgaben als akademische Elite der Gesellschaft sein?

Sollt ihr als akademische Elite der Bundesrepublik weiter daran arbeiten, dass die Wirtschaft wachsen kann? Dass noch mehr Waren und Dienstleistungen weltweit in immer größerem Umfang und größerer Geschwindigkeit produziert werden und zirkulieren? Dass die natürlichen Ressourcen der Erde noch effektiver ausgebeutet werden? Dass noch wirksamere Waffen hergestellt werden können? Dass neue Atomkraftwerke
gebaut werden?

Oder haben wir weltweit ein Hunger- und Armutsproblem zu lösen? Eine Flüchtlingsfrage? Krankheiten zu bekämpfen, die längst als besiegt galten? Eine Klimakatastrophe zu verhindern? Sollten wir uns nach dem Scheitern der realsozialistischen Gesellschaften und den verheerenden Auswirkungen kapitalistischer Krisen Gedanken machen über eine neue Form von Vergesellschaftung und Demokratie, in der alle Menschen auf der ganzen Welt gut und selbstbestimmt leben können?

Und nichts bildet so gut, wie das Leben selbst und die Kämpfe um Würde, gerechte Einkommen, Selbstbestimmung, für eine Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit, Erhalt der Lebensgrundlagen und Solidarität nicht auf dem Altar von Konkurrenz und Profit geopfert werden.

Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg - ALSO