"wer Arbeit sucht, findet auch welche",

und

"wer nicht arbeitet, ist bloß zu faul"


- diese Erkenntnisse sind so sehr Allgemeingut geworden, daß es schon Wunder nimmt, daß irgendwer sie noch einer Erwähnung wert findet. So wird dann an den Stammtischen wohl nur noch gestritten, ob Erwerbslose Faultiere oder Faulpelze sind.

Unschöne Alternative für uns: denn da wir wissen, daß wir in jedem Falle nicht faul sind, bleibt unter'm Strich, daß wir uns für Pelztiere halten sollen, deren höhere Bestimmung und einzige Daseinsberechtigung darin liegt, daß ihnen das Fell über die Ohren gezogen wird.

Aber was soll das Gejammer über Sozialabbau - über den schon vollzogenen und über den erst noch kommenden -: es kommt darauf an, ihn zu gestalten! Deshalb gab unser Aktivist Michael Bättig der "jungen welt" am 10. April 2001 ein Interview, das dort nur gekürzt gedruckt wurde. Hier findet es sich vollständig.

Weil aber wirklich durchgreifende Veränderungen von derart individualistischen Lösungen, wie sie am Ende des Interviews vorgestellt werden, doch nicht zu erwarten sind, hat er - gesellschaftliche Phantasie ist gefragt! - einen systematischeren Ansatz entwickelt; zunächst für Oldenburg, aber ohne Zweifel auch im Weltmaßstab zu verwirklichen. Vorgestellt wurde er am 09. Mai 2001 in der Sendung "rund um den Arbeitsmarkt" des "Offenen Kanals Oldenburg". Auch das dokumentieren wir hier.

Aber über all dem soll nicht vergessen werden, daß schon vor Jahren der Essener Polit-Karikaturist Thomas Plaßmann die ultimative Lösung gefunden hat, wie die Arbeitslosenzahl sich halbieren ließe: indem sich jeweils zwei Arbeitslose einen Arbeitslosenplatz teilen!

 


Interview mit der "jungen welt"

jw: Bundeskanzler Schröder erklärte, daß Arbeitslose in Zukunft mit Kürzungen ihrer Bezüge rechnen müssen, wenn sie nicht jede Arbeit annehmen. CDU- und FDP-Politiker gaben ihm ausdrücklich Recht. Überrascht Sie dieser überparteiliche Vorstoß gegen die Arbeitslosen?

Ja sehr! Mit den bundesweiten Protesttagen gegen Arbeitslosigkeit und Armut im Jahr 1998 haben wir der rot-grünen Regierung zum Durchbruch verholfen. Seitdem protestieren wir kaum noch. Wir bemühen uns, den Aufschwung durch unsere Existenz so wenig wie möglich zu stören. Ein wenig mehr Dankbarkeit hätten wir schon erwartet.

Was hat sich unter Rot-Grün für die Arbeitslosen getan (im Positiven oder Negativen)?

Eine Menge! Im Positiven, daß wir uns nach den Wahlen auch auf die neue Regierung verlassen können:
Pünktlich nach Ablauf jeden Jahres wird uns weiterhin die Arbeitslosenhilfe um 3 % gekürzt - eines der wenigen Ergebnisse übrigens noch aus dem "Bündnis für Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit".
Im Negativen, daß es seit der Einführung des SGB III (das Sozialgesetzbuch III ersetzte im Jahre 1998 das alte AFG - Arbeitsförderungsgesetz) immer noch sechs Monate dauert, bis wir endlich jede Arbeit annehmen müssen (sonst wird die Stütze gestrichen), bei der wir nicht weniger verdienen, als wir Leistungen bekommen - egal welche Qualifikation wir haben und wieviel wir vorher verdient haben. Versetzen Sie sich in unsere Lage: Ein halbes Jahr mit schlechtem Gewissen überstehen, weil man sich vor dem Streit mit schlechter Qualifizierten um schlecht bezahlte Arbeitsplätze drückt, ohne daß einem die Stütze gestrichen wird...

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat sich verhalten zustimmend zu Schröders Vorstoß geäußert. Ist der DGB noch Bündnispartner für Arbeitslose?

Zuhaltend verstimmt! Solange weiterhin so einschneidende Ergebnisse für uns aus seiner Teilnahme am "Bündnis für Arbeit und Wettbewerbsfähigkeit" herauskommen wie Leistungskürzungen oder jetzt aktuell die geplante SGB III-Reform zum Sommer, mit der mehr Druck auf Langzeitarbeitslose ausgeübt werden soll. Wir wollen aber nicht zu viel verlangen. Auf die Gewerkschaften warten bedeutsamere Aufgaben, als sich um Nicht-Arbeit zu kümmern: so gibt es z.B. immer noch jede Menge Leiharbeitsfirmen, deren Löhne um 30 % unter denen für vergleichbare Arbeiten liegen - die müssen schließlich noch tarifvertraglich festgeklopft werden...

Woher rührt das Bemühen von Politikern, trotz unverändert hoher Massenarbeitslosigkeit und abschwächender Konjunktur die Arbeitslosen ins Visier zu nehmen?

Genau daher!
Wenn das Wetter mitgespielt hätte, hätten auch wir bald im Regen gestanden. Nun hat der kühle Regen der Konjunktur nachgelassen, und wir müssen (leider) drinnen bleiben. Aber wir wollen das auch mal positiv betrachten, nicht immer nur jammern: Unsere wertvolle Arbeitskraft wird dieser Gesellschaft vorenthalten und allenthalben wird beklagt, daß wir keine Aufgaben übernehmen. Jetzt haben wir eine. Eine nationale.
Kanzler Schröder hat das Ziel, die Arbeitslosigkeit zu halbieren, aufgegeben. Für das korrigierte Ziel, 3,5 Mio. Erwerbslose im Jahr 2002, müßte - z.B. - mit gesetzlicher Hilfe die wachsende Überstundenzahl abgebaut werden. Schon dieser Schritt riefe den Widerstand der Wirtschaft, der Opposition und des überwiegenden Teils der Medien auf den Plan. Daß wir selbst Schuld an unserer Arbeitslosigkeit sind, verspricht dagegen breite Zustimmung. So regierte Kohl sechzehn Jahre. Der Unterschied zu Schröder: Kohl hatte eine Opposition.
Deren Funktion übernehmen wir mit: Als Sündenbock der Nation. Mit den Ausländern funktioniert das nicht mehr, seit selbst die CDU Deutschland zum Einwanderungsland erklärt hat. Mit der Arbeit hat das in Deutschland schon immer funktioniert. Ein geschlossene Volksgemeinschaft läßt sich nicht den Aufschwung vermasseln, nicht von Drückebergern.
Andersrum betrachtet: So weit hat es der Kapitalismus mit seiner Produktivität getrieben, daß ausgerechnet die Faulenzer den Fortschritt der Nation retten. Wir Arbeitslose können stolz auf Deutschland sein... oder umgekehrt?

In der Endphase der Regierung Kohl begannen Arbeitslosenproteste. Warum ist heute so wenig Widerstand von den Arbeitslosen zu hören?

Nicht daß wir zu faul sind oder uns vorm Widerstand drücken wollten, aber wir haben einigermaßen gebannt auf den Aufschwung gestarrt - wie das Kaninchen auf die Schlange. Wir wollten die nicht stören. Wir hätten kein großes Aufhebens von uns gemacht. Das war Kanzler Schröder jetzt.
Schauen wir uns den Aufschwung an:
Die Zahl der Erwerbstätigen ist im Jahresdurchschnitt 2000 um fast 600.000 Personen gestiegen. Etwa die Hälfte der Zunahme entfällt aber auf geringfügige Beschäftigungen. Überdurchschnittlich stark zugenommen hat die Teilzeitbeschäftigung, vor allem die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten. Fast jeder Fünfte - 18,9 % der Erwerbstätigen im früheren Bundesgebiet - erzielte 1998 einen Bruttoverdienst von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens von rund 65000 Mark im Jahr. Die hohe Zahl von Niedriglöhnern setzt sich vorwiegend aus Teilzeitbeschäftigten und gering bezahlten Selbständigen zusammen. Insgesamt reicht bei fast einem Drittel der Bürger im gesamten Bundesgebiet das ihnen eigene Einkommen nicht aus, um die 50-Prozent-Grenze zu erreichen.
Aber bitte, ich muß Ihnen wahrscheinlich nichts über Ihren Job erzählen. Uns stellt sich nur die Frage: Warum ist heute so wenig Widerstand von den fleißigen Beschäftigten zu hören?

In Teilen der Arbeitslosenbewegung wurde statt der immergleichen Forderung nach Arbeitsplätzen über ein arbeitsunabhängiges Existenzgeld diskutiert. Ist die Forderung in Teilen der Arbeitslosenbewegung noch aktuell?

Aber nein! Existenzunabhängiges Arbeitsgeld - was soll das denn werden in Deutschland? Wir orientieren uns jetzt eher internationalistisch, werfen wir einen Blick auf Japan zum Beispiel: Im Jahr 1999 nahmen sich dort 33048 Erwachsene das Leben - die Angst, gefeuert zu werden, schlägt immer mehr in unkontrollierte Streßhandlungen um. Die Forderung nach einem freiwilligen Arbeitsdienstprogramm (FAD) für uns könnte z.B. beinhalten, zur weiteren Gewährleistung des reibungslosen Ablaufs nach japanischem Vorbild auf allen U- und S-Bahnhöfen sowie allen ICE-Strecken Schilder anzubringen mit der Aufschrift "Bitte springen Sie nicht in der Hauptverkehrszeit."
Eine weitere Forderung im Rahmen des FAD ist die nach Kopf- und Mundschutz, wie Boxer ihn tragen, für alle Arbeitslosen: Der erwerbslose Jun Sato läßt sich so gepolstert auf Tokios Glitzermeile Ginza für 19 DM pro drei Minuten von Passanten zusammenschlagen - so machten wir uns nützlich, und der Frust der Beschäftigten wäre in die richtigen Bahnen gelenkt...
Halt, Moment, bitte, so warten Sie doch wenigstens, bis ich meinen Mundschutz... Danke, das macht dann 19,50 DM!

– . –

Ein Vorschlag für Oldenburg: DfD

Nun gut. Als moderne Dienstleistungseinrichtung der Stadt Oldenburg haben wir uns darum folgenden besonderen Service ausgedacht, um die Misere wenigstens für Oldenburg ein wenig zu mildern. Dieser Service richtet sich an alle, die einen festen Arbeitsplatz haben, hören Sie gut zu!

Sie haben einen Arbeitsplatz (am besten einen gutbezahlten). Sie sind kein Drückeberger. Sie sind kein Faulenzer. Und:
a) Sie würden auch als Arbeitsloser nie zu den Drückebergern gehören und sofort wieder eine Arbeit finden. Oder
b) Sie wünschen sich schon seit langem mal eine längere Pause vom täglichen Arbeitsstreß.

Na super! Dann steigen Sie ein in unsere "DfD" - die "Drehscheibe für Drückeberger"! Dazu brauchen Sie nur folgendes zu tun:

Sie kündigen unverzüglich ihre Arbeit und machen damit einen Arbeitsplatz frei. Diesen Arbeitsplatz melden Sie bei uns. Wir wiederum melden einen passenden uns bekannten Drückeberger mitsamt der offenen Stelle beim Arbeitsamt. Dann gibt es keine Ausflüchte mehr. Der Drückeberger ist dran. Und Sie sind draußen.

Und hier beginnt unsere besondere Serviceleistung für Sie. Wir vermitteln Ihnen einen qualifizierten Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Wir werden mit Ihnen zusammen für Sie einen individuell abgestimmten Aktionsleitfaden entwickeln.

Wenn Sie zur Kategorie a) gehören, also kein Drückeberger oder Faulenzer sind, dann werden Sie einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben, noch bevor die dreimonatige Sperrzeit für Ihr Arbeitslosengeld abgelaufen ist, die Sie wegen der eigenen Kündigung vom Arbeitsamt verhängt bekommen. Sie können stolz auf sich sein. Sie haben einen Arbeitsplatz frei gemacht. Sie haben es einem Faulenzer heimgezahlt. Sie haben die Solidargemeinschaft mit keinem Pfennig belastet. Sie werden sich besser fühlen. Und dieses Gefühl kostet Sie nur einen kleinen Solidaritätsbeitrag für unsere Serviceleistungen.

Wenn sie zur Kategorie b) gehören, also schon längst mal Pause machen wollten, dann haben Sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie haben einen Arbeitsplatz frei gemacht und sorgen gleichzeitig dafür, daß Erwerbslose zu Recht als Faulenzer beschimpft werden. Und dann kann auch schon das süße Leben der Sozialschmarotzer beginnen. Seien Sie versichert: Niemand weiß besser als wir, wie man sich drückt. Genießen Sie unser speziell für Sie entwickeltes Programm "KdF" - "Kraft durch Faulheit". Mit einem kleinen Unkostenbeitrag sind dabei im Verein der Faulenzer.

Na, haben wir Ihr Interesse geweckt? Kommen Sie zu einer unverbindlichen Beratung in unseren Servicepool in die Kaiserstraße 19, Montag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils von 9 bis 13 Uhr!

Oder rufen Sie uns an unter unserer Service-Hotline: 0441/16313!

 

   
   
       
   

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05/2001