Kampagne "Verbesserungen für Kinder
     im Sozialhilfebezug"

Wie alles anfing… bundesweite Verabredung der Kampagne
     zur Verbesserung der Lage sozialhilfebeziehender Kinder

Im September 1999 trafen sich auf Einladung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen (BAG SHI) VertreterInnen verschiedener Organisationen und Verbände, um gemeinsam über das Ob und Wie einer Kampagne zur Verbesserung der Lage sozialhilfebeziehender Kinder nachzudenken. Gekommen waren u.a. VertreterInnen vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), vom Caritasverband, von der Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Niedersachsen/Bremen, der Bundesarbeitsgemeinschaft unabhängiger Erwerbsloseninitiativen, des Deutschen Arbeitskreises für Familienhilfe und der IG Metall-Vorstandsverwaltung.

Der ins Auge springende Anlass für diese Einladung der BAG-SHI war die Tatsache, dass zwar das Kindergeld in den letzten Jahren recht drastisch erhöht worden war (von 70 Mark im Jahre 1996 auf 200 Mark im Jahre 1999), dass aber diese Erhöhungen durch die volle Anrechnung des Kindergelds auf die Sozialhilfe genau an denjenigen vorbeigegangen waren, die sie am dringendsten benötigten: nämlich an armen, sozialhilfebeziehenden Kindern.
Schon seit Jahren hatte es einzelne Bemühungen gegeben, das Kindergeld nicht anrechnen zu lassen, z.B. Klagen einzelner Mitstreiterinnen aus den Sozialhilfeinitiativen. Diese blieben bislang leider erfolglos oder befinden sich noch auf dem Instanzenweg.
Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im November 1998, das zu weiteren Erhöhungen des Kindergelds führen mußte - wiederum, ohne dass arme Kinder daran teilhaben würden -, war das Maß voll. Die BAG-SHI holte sich "Verstärkung".

Trotz unterschiedlicher politischer Vorstellungen der einzelnen Verbände beschlossen sie tatsächlich eine gemeinsame Kampagne unter dem Motto: "Wir fordern eine Verbesserung der Lage sozialhilfebeziehender Kinder" und gaben z.B. eine entsprechende gemeinsame Presseerklärung heraus.

In den darauf folgenden Wochen machten sich einige AktivistInnen, allen voran die in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfeinitiativen organisierten Gruppen, auf, sowohl der "kritischen Öffentlichkeit" - also möglichst vielen Medien-Menschen - als auch denjenigen PolitikerInnen, die man für zugänglich für das Thema Kinderarmut hielt, das Problem der Anrechnung des Kindergeldes auf die Sozialhilfe überhaupt erstmal zu erklären. Dies war offensichtlich nötig, denn selbst der für die Sozialhilfe zuständige Arbeitsminister Riester hatte bei einem Termin mit VertreterInnen von Erwerbsloseninitiativen behauptet, davon, dass Kinder im Sozialhilfebezug gar nicht in den "Genuss" von Kindergeld kämen, wisse er ja gar nichts. Die "Nachhilfe" der Sozialhilfe-Initiativen zeigte Wirkung - und die Ereignisse überschlugen sich: Die rot/grüne Bundesregierung beschloss in Umsetzung des Bundesverfassungsgerichtsurteils die nächste Kindergelderhöhung zum 1. Januar 2000 - und musste sich plötzlich allenthalben öffentlich fragen lassen, wie sie denn sicherzustellen gedenke, dass auch Kinder im Sozialhilfebezug etwas von der Verbesserung haben könnten.

Nach einigem Hin und Her zwischen Regierungskoalition und Bundesrat wurde (für die Verhältnisse der Politik sogar recht flugs) ins Bundessozialhilfegesetz ein Passus aufgenommen, der beim ersten und zweiten Kind in der Familie je 20 Mark monatlich anrechnungsfrei stellt, so dass seit Januar diesen Jahres wenigstens die jüngste Erhöhung des Kindergeldes in den Taschen sozialhilfebeziehender Familien landet.

Zweifelsohne ein erster Teilerfolg auch unserer Bemühungen, den wir feiern, mit dem wir uns aber nicht zufrieden geben wollten. Denn: 20 Mark sind angesichts der Lage armer Kinder in der Bundesrepublik nur ein wenig mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Ganz abgesehen davon, dass noch nicht einmal alle Kinder in den Genuss dieses Tropfens kommen: wer zufällig als das dritte Kind in einer sozialhilfebeziehenden Familie zur Welt kommt, geht auch nach der neuen Regelung leer aus. Und vor allem: viele hier lebende ausländische Kinder (z.B. Flüchtlinge) bekommen erst gar kein Kindergeld und werden zusätzlich mit geringeren Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz "bestraft".. Auch das halten wir schlichtweg für eine sozialpolitische Sauerei!

Vor diesem Hintergrund halten wir es für dringend nötig, dass sich die oben genannten Verbände wieder zusammenfinden, um eine Weiterführung der Kampagne auf bundespolitischer Ebene zu verabreden.

Kommunaler Ansatz:
     Kampagne "Kinder und Sozialhilfe" in Oldenburg

Wir von DONNA 45 - Bildung und Werkstätten für Frauen e.V. - und von der ALSO - Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg e.V. - beteiligen uns an der beschlossenen Kampagne, wobei unsere Forderung "Keine Anrechnung von Kindergeld auf die Sozialhilfe" heißt.

Von vorneherein war uns wichtig, nicht nur auf der relativ weit entfernten und daher "abstrakteren" Bundesebene politisch einzugreifen, sondern kommunale Spielräume zu erkämpfen, um möglichst schnell konkrete Verbesserungen für sozialhilfebeziehende Kinder zu erreichen. Und wir wollen ein politisches Klima in der Stadt schaffen, das Armut von Kindern nicht mehr den Müttern als "Erziehungsdefizit" in die Schuhe schiebt, sondern die Politik auffordert, Chancengleichheit von Kindern auch finanziell herzustellen.

Die Argumente sind ohnehin auf unserer Seite, denn: Bis auf den neuen Freibetrag von je 20 Mark für das erste und zweite Kind wird jede Mark Kindergeld, das der Bund an sozialhilfebeziehende Kinder auszahlt, via Anrechnung auf die Sozialhilfe zum "Plus" für Städte und Gemeinden, weil dafür entsprechend weniger - kommunal finanzierte - Sozialhilfe ausgezahlt werden muss. Die Kommunen sind also die eigentlichen Nutznießer des Kindergeldes und der Kindergelderhöhungen. Oder deutlicher ausgedrückt: Städte und Gemeinden sparen auf Kosten von armen Kindern. Dabei wäre es für die Kommunen ein leichtes, sogenannte "einmalige Beihilfen" (z.B. Geld für Spielzeug oder ein Kinderfahrrad) für sozialhilfebeziehende Kinder bereitzustellen. Sie könnten die Sozialämter auch anweisen, besser zu beraten und über die Existenz einmaliger Beihilfen zu informieren. Mit einem Wort: der Verweis auf den Gesetzgeber im jeweiligen Bundesland bzw. auf den in Berlin, den kommunale Politiker so gerne im Mund führen, wenn sie sagen, sie könnten leider auch nichts tun, der zieht also nicht!

Im Rahmen unserer Kampagne haben wir bislang folgendes gemacht (in Klammern Pfad und Name, unter dem es auf der Diskette zu finden ist):

  • ein allgemeines Flugblatt zur Information über das Thema Kindergeld und Sozialhilfe, das während der bundesweiten Kampagne im letzten Herbst entstanden ist und auch überregional genutzt wurde (also\flug1lay.doc und flug1txt.doc)
  • eine Fragebogenaktion über die Situation von Kindern in Familien im laufenden Sozialhilfebezug, die sich an Betroffene richtet und die anschließend unter verschiedenen Aspekten ausgewertet wurde bzw. noch wird (also\frag_akt\fragen.doc und fraginfo.doc)
  • erste Auswertungsergebnisse aus der Fragebogenaktion betreffen das Thema Schulmaterial für sozialhilfebeziehende Kinder. Wegen der katastrophalen Ergebnisse und weil jetzt Schuljahresende ist und andererseits gerade die Einschulungsvorbereitungen laufen, ist das Thema brandaktuell (also\frag_akt\result01.doc)

Deshalb haben wir...

  • Informationsblätter für Eltern verfaßt, welche Anträge auf Schulmaterial möglich sind und wie sie sich im Falle einer Ablehnung verhalten können (also\schule\eltern1.doc)
  • alle Lehrer/alle allgemeinbildenden Schulen in Oldenburg angeschrieben und sie einerseits über die Probleme von Kindern im Sozialhilfebezug informiert (nach unserer Erfahrung gibt es bei Lehrern erheblichen Aufklärungsbedarf darüber, dass es arme Kinder in ihren Klassen gibt). In diesem Schreiben wurden sie auch gebeten, konkret etwas zu tun, nämlich: den SchülerInnen vor Beginn eines Schuljahres eine detaillierte und von der Schule autorisierte Auflistung aller benötigten Materialien und deren Kosten auszuhändigen, damit die Eltern sie besser beim Sozialamt geltend machen können (also\schule\lehrer1.doc)
  • Musteranträge für verschiedenen Schulbedarf entworfen, den wir zusammen mit einem allgemeinen Infoblatt an die Eltern verteilen (Infostände vor dem Sozialamt, von uns einberufene Betroffenenversammlung, in den Initiativen...) (also\schule\antrag\*.doc)
  • Unseren Aktivitäten kam ein aktuelles Urteil des niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts gerade recht, das Kindern einen Schulranzen der mittleren Preisklasse (anstatt der untersten Billigkategorie) zugesteht. Wir haben eingefordert, dass die Verwaltung diesem Urteil in seiner Bewilligungspraxis Rechnung trägt. Die Verwaltung hat übrigens mittlerweile reagiert und die Pauschale um 30 DM erhöht (also\recht\ranzen\*.doc u. also\kommpol\erfolg01.doc)
  • Auf kommunalpolitischer Ebene haben wir die Diskussion mit den Parteien/Fraktionen im Stadtrat gesucht und sie deshalb zu uns eingeladen bzw. unsererseits Fraktionssitzungen besucht. Konkret haben wir sie gebeten, von uns vorformulierte Fragen über den Sozialausschuss an die Verwaltung der Stadt Oldenburg zu stellen, um dort eine Diskussion über das Thema "Kinder und Sozialhilfe" und konkreter über den Schulalltag von Kindern im Sozialhilfebezug in Gang zu bringen. (also\kommpol\anfrage.doc)
  • Außerdem haben wir für alle, die sich solche Schritte nicht so einfach zutrauen, aufgeschrieben, wie und auf welchen Wegen sich erreichen läßt, dass die politisch Verantwortlichen sich mit unseren Forderungen auseinandersetzen müssen.(also\kommpol\komm_ini.doc)

Im folgenden stellen wir das bisher von uns erarbeitete Material zusammen. Wir denken, dass es viele Anregungen und Ideen enthält, und möchten erreichen, dass Initiativen in anderen Städten die Kampagne aufgreifen. Über einen regen Austausch, Kritik und Anregungen, aber auch über Eure Fragen zur Kampagne freuen wir uns! (e-mail)

Achtung!

Einiges (z.B. die Musteranträge auf Schulbeihilfen) ist auf der Basis der Oldenburger Sozialhilfepraxis bzw. der niedersächsischen Landesrichtlinien verfasst und kann deshalb nicht in jedem Fall ohne Veränderung und ohne vorherige Recherche übernommen werden!

 

Download des Kampagne-Materials:

Die Dateien sind in einer zip-Datei zusammengefaßt worden, um Downoad-Zeit zu sparen. Nach dem Entkomprimieren mit einem zip-Programm liegen sie in folgenden Unterverzeichnissen vor: .../temp/also/...
Es handelt sich um Textdateien im Format Word for Windows 2.0.

 

download kinder.zip >>>

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05/2001