Wir-machen-Euch-satt-Kundgebung

Kein Ausweg aus der Wagenburg?

Wir machen Euch satt, skandierten ca. 350 bis 400 Jungbäuerinnen und -bauern. Immerhin satt, das wäre gut für alle, ist nicht wenig, schon gar nicht selbstverständlich für alle weltweit. Anders wird das kaum jemand sehen - wenn die Parole dieser Kundgebung tatsächlich zuträfe. Auch die Umstände des Satt-Werdens und der Kundgebung … beide sind je ein Ding für sich.

Da gab die Kundgebung vor dem großen Portal des Berliner Hauptstadtbahnhofs eher das Bild einer zusammen getriebenen Schafsherde ab, die TeilnehmerInnen meist mit dem Rücken abgewandt von der Öffentlichkeit. Sieht so eine Gruppe aus, die ihre stolze Nachricht verbreiten will? Eher entstand das Bild einer Wagenburg, aus der heraus die dort Eingekesselten auf die draußen feuern (wollen).
Einige verliessen die Wagenburg, boten Käsewürfel und Mettwürste an - o. k. das ist Geschmacksache, nix für mich, schon gar nicht morgens vor 10 Uhr, aber wohl gut gemeint. Die Mettwürste waren nicht meines, die Möglichkeit zum Austausch schon viel mehr, wie ein Gespräch mit zwei Jungbauern zeigte.

Ein junger Ferkelzüchter beschrieb seine Gefangenheit.
Der Ferkelbauer: Der Weltmarkt verlange billig und Masse. Der heimische Markt verlange billig, auch für die vielen Armen, die nicht mehr zahlen können.
Billig ist bei ihm das Muss. Und dann das Dilemma, das funktioniert nur übers Wachsen und Verdrängen anderer Bauern. Denn Boden ist knapp und teuer, für Produktionsausweitung kaum Platz, da sind schon überall andere Bauern. Und dann ist da die breite Kritik an der «Fleischindustrie», an Tierqual, am Antibiotika-Einsatz und mehrfach resistenten Keimen, an Güllefluten und Nitrat im Trinkwasser… .  Das trifft ihn sehr. Er bemüht sich auf seinem Hof, sieht sich ungerecht angegriffen, sucht nach Nischen, nach Wegen unabhängig von den großen Schlacht-Konzernen.

Dieses Gespräch - es wurde geführt mit einem älteren, erfahrenen Landwirt - war nicht leicht für die Jungbauern. Ob sie - die Jungen - denn wirklich glaubten, gegen den Weltmarkt konkurrieren zu können? - fragte er die Jungbauern -, bei den Lebenshaltungskosten und den begrenzten Flächen in Deutschland?
Und ob das wirklich ernst gemeint sei, Verbraucher, die die Agrarindustrie kritisieren, als ihre Gegner zu bezeichnen?

Ob sie wirklich weiter den Slogans der Funktionäre von Landvolk bzw. Bauernverband nachlaufen wollen? - "Wachse oder weiche!"; "Jeder Bauer, der aufgibt erhöht die Chancen der Bauern, die überleben"?

Auch die Armut der Menschen ist nicht vom Himmel gefallen, mischte sich ein Erwerbsloser ins Gespräch ein. Schließlich wurden die niedrigen Hartz-IV-Sätze politisch geschaffen und entschieden – genau wie der deutsche Niedrigstlohnsektor, der größte Europas.

Das Bild zeigt ein Gruppenfoto von JungbäuerInnen mit ihren zwei Transparenten vor dem Hauptbahnhof.Da war die Debatte erstmal zu Ende, zurück blieben erheblich überraschte Jungbauern in der argumentativen Defensive. Sie schienen sich den Argumenten nicht gänzlich zu verschließen, standen ja auch immerhin außerhalb der Wagenburg.

Wer will, dass mit ihr/ihm geredet wird, muss damit rechnen Argumenten zu begegnen, … wenn auch anderen als denen der Agrarindustrie.

Wenn Verbraucher gute Nahrung und Bauern ein auskömmliches Einkommen wollen, das ihren Höfen eine Perspektive gibt, sollten sie zusammen kommen.

Anders bleibt es bei der jetzigen loose-loose Situation. Das gilt auch für Menschen mit geringen Einkommen. Ihnen nutzt zwar zunächst die Billignahrung für ihr Durchkommen; sie sind im ersten Moment Nutznießer des Elends von Bauern und LandarbeiterInnen. Doch Billigwarenkonsum schreibt immer Armutsökonomie und Armutseinkommen fort, schürt Nachfrage und Konkurrenz am Markt der Billigprodukte und schafft immer mehr Billigstarbeit und Armut … und die Auswege für Einkommensarme werden immer rarer.

Das Gespräch machte deutlich: die (meist jungen) Bauern sollten sich der Demo der Kritiker der Agroindustrie anschließen, wenn sie in ihrer großen Zahl ihre Höfe weiterführen wollen. Vielleicht ist es für die JungbäuerInnen eine Idee sich nach ihrer Aktion in einem ersten Schritt der Diskussion zu öffnen? Viele der Bauern auf der Wir-haben-es-satt!-Demo - sie waren dort immerhin auch mit über 90 Schleppern und Landmaschinen beteiligt - und auch einkommensarme Käufer von Lebensmitteln sind dazu sicher bereit. Für die ALSO kann ich das jedenfalls festhalten. 

 

Hinweis: Die von JungbäuerInnen ausgehende Initiative ist im Netz zu finden unter: http://www.fragdenlandwirt.de/
Wieweit diese sich von den SprecherInnen des Bauernverbandes (den mir bekannte Bauern eher "Agararindustrieverband" nennen) auf Dauer vereinnahmen lässt, wird zu allererst an ihnen selbst liegen.

Motiv eines Themenwagens von TiermastkritikerInnen zur Demo

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