Wie das Jobcenter Tränen produziert…

Anfang August.
Organisierte Erwerbslose vor dem Amt. Sie wollen andere Erwerbslose solidarisch unterstützen.

An diesem Tag scheint es Unmengen zu klärender Fragen zu geben. Sei es drum. Rechtsaufklärung sollte in einer Demokratie von jeder und jedem stets ausgeübt werden. Wenn es schon die Jobcenter nicht machen …

Nach Stunden intensivem Austausch, Diskussionen, Hinweise geben usw. steht eine Frau - nennen wir sie Hannah - mit ihrem Kleinkind vor uns und fängt an zu weinen, nachdem sie gerade die ersten drei Worte herausgebracht hat.

Rückzug in eine ruhige Ecke und erst mal ihre „Geschichte" anhören:
In der ersten Hälfte des Julis hatte Hannah ihren Folgeantrag auf Arbeitslosengeld II abgegeben (die Eingangsbestätigung des Jobcenters mit Stempel und Unterschrift hat sie). Kurz darauf bekam sie die Nachricht, dass noch Unterlagen fehlten. Dies erledigte sie umgehend (die Eingangsbestätigung vom 22.07. mit Stempel und Unterschrift hat sie).

Donnerstag, 31. Juli. Kein Geld vom Amt. Es hätte auf ihrem Konto angekommen sein müssen.

Freitag, 01. August – dann halt wieder zum Jobcenter. Was kann schon passiert sein? Na, das, was so (zu) oft passiert: Angeblich wäre der Antrag nicht eingegangen, bzw. nicht zu finden, erklärt man ihr im Amt.
Also, vor Ort einen neuen Folgeantrag ausgefüllt. Und da Hannah Erfahrungen mit dem Jobcenter hat, hatte sie alle möglichen Unterlagen gleich mitgebracht. Sie fragte also nach, ob noch etwas fehlen würde und bekam die Antwort: Nein, jetzt wäre alles da und vollständig.

Montag, 04. August: Post vom Jobcenter. Es fehlten angeblich die Kontoauszüge (Mitte Juli schon eingereicht (Eingangsbestätigung mit ...), eine Bescheinigung, dass Hannah und ihre Kinder krankenversichert sind (Hää???) und ein ausgefüllter Vermögensbogen (dem Schreiberling konnte noch keiner erklären, wo denn im laufenden Leistungsbezug nach dem SGB II auf einmal das Vermögen herkommen sollte. Z.B. ein Lottogewinn hätte ja als Zufluss angezeigt werden müssen).

Noch verzweifelte die schwangere Hannah nicht. Sie ging wieder zum Jobcenter. Und bekam zu hören, dass sie jetzt ja alles nachreichen könne und dass das Geld ja schließlich nachgezahlt werden würde ...

EXKURS:

Liebe Mitmenschen im Jobcenter,

es hilft kaum, zu sagen, das Geld kommt ja – irgendwann. Das hilft gar nicht, wenn man kein Geld mehr hat, unabhängig davon – wie in diesem Fall – dass mensch ein Kleinkind und ein schwerbehindertes Kind zu Hause hat, selbst schwanger ist, ein Kindergeburtstag ansteht, Schulangelegenheiten im selben Monat bezahlt werden müssen (das dazugehörige Desaster des Bildungs- und Teilhabepaketes ist eine eigene Geschichte wert!) und überhaupt, mensch nicht mehr weiß, wie man das Leben in der Hartz-IV-Gesellschaft bewältigen soll.

Da hilft auch nicht, dass man selber sehr gut organisiert ist und immer schön „mitwirkt", wenn Ihr beim Jobcenter nicht im Ansatz Euren Job hinkriegt. Wie wäre es mit etwas Sensibilität oder Mitgefühl oder Hilfsbereitschaft oder „Kundenorientierung" oder einfach Euren Job im Sinne des Gesetzes ernst nehmen?

DIE LÖSUNG …

Wenn es geht, wenn's wirklich dringend ist, bloß nicht zur Sachbearbeitung des Jobcenters. Die kann nichts entscheiden und überhaupt ... Der direkte Vorgesetzte? Aus der Erfahrung heraus weiß man hier vor Ort, das Gefühle und möglicherweise daraus resultierende Menschlichkeit nicht seine Stärken zu sein scheinen. Also weiter nach oben. In diesem Fall zum obersten Leiter der Leistungsabteilungen des Jobcenters Oldenburg. Da braucht man auch keinen Termin, da klopft man an und klärt Probleme. Jedenfalls machen wir das in solchen Fällen häufig in unserem „Dorf" so.

Und siehe da:
Er hätte das so nicht gemacht ... – sagte er – und er entschuldigt sich dafür, dass es so gekommen ist. Der erste Antrag könnte nicht verloren gegangen sein, da vom Amt ja schon Nachforderungen rausgegangen wären usw. Es wird vereinbart, das er das umgehend klärt und unsere Ratsuchende am selben Tag anruft und am nächsten Tag das Geld ausgezahlt wird.

Die Tränen sind versiegt.

Es ist wieder etwas Hoffnung da.

Es gibt zwar keine Garantie dafür, dass der alltägliche Wahnsinn Hartz-IV bald aufhört aber es gibt Möglichkeiten, den Wahnsinn etwas erträglicher zu machen.

Solidarität. Präsenz. Dem Amt die Stirn zeigen.

Dienstag, 05. August. Es gibt für Hannah zumindest das wenige Hartz-IV-Geld, es kann eingekauft werden und der – wenn auch bescheidene – Kindergeburtstag kann kommen.

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