TESTFELD GRIECHENLAND

Der Grexit*, die Medien und ich

WL hat uns einen Auszug aus dem „Prager Frühling" (Ausgabe 1/2015) geschickt, in dem Michaelis Pantelouris schreibt, wie auch angesehene deutsche Medien Verdrehungen zur Stimmungmache gegen die neue griechische Regierung einsetzen. Wir zitieren:

„... Was mich aber vor allem anderen beeindruckt ist der Mut der Regierung Tsipras, die Wahrheit zu sagen, auch wenn das bedeutet, den schwierigen Weg zu gehen. Leider bedeutet es auch, dass noch nie in meiner Erinnerung eine Regierung so oft falsch zitiert oder dargestellt wurde wie diese. Manchmal offensichtlich in böser Absicht, wie bei dem Kommentar des Historikers Thomas Weber für die WELT, der geradezu groteske Verdrehungen von Fakten präsentiert, um vor allem dem griechischen Finanzminister Varoufakis Judenhass zu unterstellen (ein Argument: Varoufakis verehrt den österreichischen Sozialdemokraten Bruno Kreisky). Der war zwar selbst Jude, aber kein Zionist.
Und überhaupt, Varoufakis: Ein Interview-Schnipsel macht die Runde, in dem er Deutschland zu erpressen schien: «Was immer Deutschland sagt, am Ende zahlen sie immer.»
Hundertfach ging der durch die deutschen Medien und fand natürlich Eingang in die politische Diskussion. Dabei sagte Varoufakis im Interview das Gegenteil. Frei übersetzt: «Deutschland hört nicht auf, statt nach einer besseren Lösung zu suchen, Geld in ein schwarzes Loch zu werfen.» Aber selbst nach einer Klarstellung von Varoufakis verbreitete sich das falsche Zitat weiter.
(...)
Man muss aber festhalten, dass Journalisten bereit sind, Menschen hauptberuflich über Aspekte der Weltlage aufzuklären, mit denen sie selbst sich nicht länger als zwei Minuten beschäftigt haben. (Hervorheb. wl)
Viel besser als böser Wille ist das am Ende auch nicht, wenn im Ergebnis das Gleiche rauskommt: das fahrlässige Töten von Informationen statt dem vorsätzlichen Mord.
Es gab also Gründe, sich verzweifelt die Haare zu raufen ob der Berichterstattung auch in sog. deutschen Qualitätsmedien. In anderen Zusammenhängen wäre es lustig, wie oft Varoufakis falsch zitiert wurde, um dann hinterher - nachdem er es richtig stellte - mit der Behauptung konfrontiert zu sein, er «rudere zurück». Tatsächlich lustig sind die Nachrichten-Videos einer Antonia Schäfer auf focus.de, in denen sie z. B. weltexklusiv verkünden konnte, Griechenlands Finanzminister wolle den Austritt seines Landes aus dem Euro. Der Satz wurde später herausgeschnitten. Es sagt wahrscheinlich alles über den Journalismus bei FOCUS, dass der Rest des Textes zwar einiger Bezüge beraubt ist, aber im Rahmen der dort stattfindenden gesellschaftlichen Aufklärung immer noch funktioniert. Euro-Austritt ja oder nein, das macht dann jetzt auch nichts mehr aus. Die Meinung über «die Griechen» steht so oder so. Und ich brauche die BILD-Zeitung nicht einmal zu erwähnen."

P.S.: Wer noch Flyer verteilen kann und möchte, kann sich gern welche aus der ALSO herausholen.

* "Grexit": Wortneuschöpfung, die für das mögliche Ende der Verwendung des Zahlungsmittels "EURO" in Griechenland steht.
Hinweise auf Beiträge zum Thema findet Ihr hier (ganz unten). 

Vielen Dank natürlich auch an unsere Mitveranstalter_innen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und von Arbeit und Leben Nord. Aber hier habe ich das Linke Forum hervorgehoben weil ich zunnächst verpennt hatte, dies bei der ersten Ankündigung im Text anzuführen - mea culpa.

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