Seit 150 Jahren Gewerkschaften der Lebensmittelarbeiter_innen

Der Anfang: Zigarrenarbeiterverein 1865

 

Grußwort zum Jubiläum „150 Jahre NGG" – Geburtstagsfeier der NGG-Region Oldenburg-Ostfriesland

am 10. Oktober 2015

Wenn NGG-Geschäftsführer Matthias Brümmer und ich bei der gleichen Veranstaltung mitwirken, was in den vergangenen Jahren öfter mal vorkam, dann spricht der Kollege Brümmer gern von der Neuauflage von „Don Camillo und Peppone": Die Kirche und die Gewerkschaften - zwei Welten treffen aufeinander! Und das ist sehr gut so und notwendig, denn darin liegt die Chance, für die Würde des Menschen gemeinsam einzutreten.

„Wenn ich den Armen Brot gebe, nennt man mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen nichts zu essen haben, werde ich als Kommunist beschimpft." (Dom Helder Camara)

Er sprach das Grußwort für die katholische Kirche: Prälat Peter Kossen

Es geht uns gemeinsam um den Menschen und um seine Würde! Mich bewegt die Frage: Wie tief will sich die Gesellschaft/die Politik/die Kirche vor der Wirtschaft verneigen? Und wie schamlos prostituiert sie sich dabei?

„Ohne Vision verkommt das Volk", so heißt es im Buch der Sprichwörter in der Bibel. (Spr 29,18)
Die Vision der Katholischen Soziallehre ist eine Gesellschaftsordnung, die geprägt ist von Solidarität, Subsidiarität, Personenwürde, Eigentum und Wettbewerb.

Der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt, es könne die Situation eintreten, in der es für die Kirchen darauf ankäme „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen". In den vergangenen Jahren ist mir durch verschiedene Erfahrungen und Beobachtungen klar geworden: Beim Missbrauch der Werkverträge müssen die Kirchen eingreifen und bremsen! Wo wir gemeinsam dem Rad in die Speichen fallen, da kommt das Rad gewiss zum Stehen!

Dorothee Juergensen blickte auf die Gewerkschaftgeschichte, deren Kämpfe und hob insbesondere die politischen Bildungsarbeit durch die Arbeiterzusammenschlüsse hervor..

Denn wenn es uns nicht gelingt, menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen auch für Migranten zu garantieren, dann verrotten unsere Werte von Innen! All das, worauf wir in unserer Region stolz sind: Fleiß, Innovation, Mut und auch unser Gemeinschaftsgefüge verrottet von Innen, wenn es uns nicht gelingt, Rechte und Gerechtigkeit allen zugänglich zu machen, auch den Migranten! Ich will es bewusst ganz drastisch sagen: Der Missbrauch der Werkverträge frisst sich wie ein Krebsgeschwür quer durch unsere Volkswirtschaft! Bis in Kleinstbetriebe hinein hat dieses miese Beschäftigungsmodell mitten in unserer Gesellschaft in verschiedenen Branchen Schule gemacht. Durch den Missbrauch der Werkverträge werden in Deutschland längst nicht nur in der Fleischindustrie jeden Tag hunderttausende vor allem osteuropäische Arbeitsmigranten mitten unter uns systematisch ausgebeutet, gedemütigt und betrogen: Im Hotelgewerbe, in der Getränkeindustrie, bei den Regal-Einräumern mancher Discounter, auf den Großbaustellen, im Metallbau, bei den LKW-Fahrern und im Versandhandel... überall finden wir ganz ähnliche Strukturen. Und das sind dann keine bedauerlichen Einzelfälle! Ausbeutung ist hoffähig geworden!

Das Bld zeigt den Vorleser der Vorläufergewerkschaft der NGG in den ehemaligen Zigarrenfabriken.Der Mensch muss wieder in das Zentrum des Wirtschaftens rücken; dort steht er nicht mehr, aber dort gehört er hin! Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Frieden kann es dauerhaft nur geben mit einer Weltwirtschaftsordnung, die geprägt ist von Gerechtigkeit und Solidarität. Den Menschen nicht zu benutzen, ihn immer um seiner selbst willen zu sehen und wertzuschätzen, ist Grundlage christlicher Ethik. Menschenwürdig leben können, muss die Ermöglichung guter Arbeit sein, nicht ihr Lohn! Wertschätzung vor Wertschöpfung! Papst Franziskus sagt: "Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden." EG 202

Dahinter steht die Werte-Frage: Was ist uns gute Arbeit wert?? Was ist uns Gerechtigkeit wert? Kann es richtig sein, wenn das Kilo Klopapier bei uns teurer ist als das Kilo Fleisch? Aber es ist so! Das wertvolle und aufwendig produzierte Gut Fleisch wird bei uns unter Wert verschleudert! Qualität hat ihren Preis - eigentlich. De facto ist es nicht so. Wie können wir verhindern, dass Wertvolles unter Preis verschleudert wird auf Kosten der Armen?

Ausbeutung von Menschen, Sklaverei, „funktioniert" bis heute immer da, wo Menschen als Nummer geführt werden, wo sie kein Gesicht haben, keinen Namen und keine Geschichte. Osteuropäischen Werkvertragsarbeitern geht es vielfach hier bei uns so: Sie sind uns nicht als Persönlichkeiten bekannt, eine große anonyme Gruppe - Arbeitskräfte ohne Gesicht, ohne Namen und Geschichte, eine „Geisterarmee". So werden sie ohne schlechtes Gewissen ausgebeutet, betrogen und gedemütigt. Wer steht dagegen auf? Wer gebietet der Ausbeutung Einhalt? Wer trocknet den Sumpf krimineller Subunternehmen aus?

Es braucht in unserem Land Gesetze, die das Ausmaß von Werkvertragsarbeit regulieren. Der Vorsitzende der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sagt: „Wir müssen über den Kapitalismus hinausgehen ... Die primitive Vorstellung, der Markt regelt alles, hat sich endgültig als falsch erwiesen."

In einer globalisierten Welt wird Solidarität als Haltung in den zunehmenden Austausch- und Abhängigkeitsverhältnissen überlebenswichtig, soll nicht der Marktliberalismus und das „freie Spiel der Kräfte" stilprägend werden. Für diese Solidarität stehen Frauen und Männer in der NGG seit nunmehr 150 Jahren ein.

Weltweite Verflechtungen und Abhängigkeiten bringen nicht von allein Solidarität hervor. Unterdrückung und Ausbeutung scheint vielmehr die natürliche Folge dieser Abhängigkeiten zu sein. Dies wiederum bringt Hungersnöte, soziale Unruhen und Gewalt hervor. Der internationale Terrorismus ist die Negativfolie internationaler Solidarität, und in einer globalisierten Welt ist dieser Terrorismus eben auch nicht mehr lokal einzugrenzen.

Es braucht heute mehr denn je Menschen wie Sie, die Frauen und Männer in der NGG, die eine Idee, eine Vision haben von einer anderen, einer besseren, gerechteren Welt, in der alle Menschen teilhaben an den Gütern dieser Erde. Lokal wie global gilt: Wir haben kein Knappheitsproblem; wir haben ein Verteilungsproblem!

Der NGG sage ich meinen Glückwunsch und meinen Respekt vor den Frauen und Männern, die unerschrocken in 150 Jahren für die Würde des Menschen in der Arbeitswelt gestritten haben! Lassen Sie uns auch weiterhin gemeinsam eintreten für Frieden, für Gerechtigkeit und Menschenwürde und für die Bewahrung der Schöpfung! Für Ihre Arbeit wünsche ich Ihnen Kraft und Mut und Zuversicht und in all dem Gottes Segen!

Oldenburg, 10.10.15

Peter Kossen

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