2. Februar, Zahltag in Oldenburg

kalt war's, aber sonnig - und viel los im Amt und an unserem Infostand. Auch die Begleitung lohnte sich. Hier einige Eindrücke:

Besuch im Zimmer vom Fallmanager - Unglaubliche Geschichte?

Zwei setzen sich, eine erwerbslose Person und ihr Beistand - der Fallmager erzählt:

„Es gibt da eine Maßnahme, die könnte geeignet sein ... nur eine Möglichkeit,... vielleicht eine Chance und ganz freiwillig ... schließlich sei eine solche Maßnahme ja teuer und sollte nicht an diejenigen gehen, die sie nicht richtig ausnutzen wollen ..."

So wünschen sich viele die Gespräche mit ihren ‚KarriereberaterInnen' in Jobcenter oder Arbeitsamt. ... „Freiwilligkeit, Chancen eröffnen, Interessen abwägen, ... Geht das mit den Kindern?"

Ich begleitete jemand ins Büro zum Fallmanager, der scheinbar ganz entspannt seine Angebotspalette ausbreitete.

Eher verunsichert beendete die von mir begleitete Person dieses Zusammentreffen mit dem Vermittler in dieser für sie gänzlich ungewohnten Art.

Hatte sie nicht extra eine Begleitung für diesen Termin gesucht ? Was denkt die jetzt von mir? Lasse ich mich ohne Grund verunsichern?
Zuletzt wurde ihr der Druck unerträglich. Da gab es im Gespräch keine Rücksicht, keine Frage nach Interessen und Möglichkeiten des Erwerbslosen. Nur gleich festlegen auf die nächste Aktivierungsmaßnahme des Amtes. Rücksicht auf die eigene Erkrankung, auf die schwierige Phase der Kinder? Zuletzt war sowas nicht wahrnehmbar. Nun sollte es gleich nach Abschluss des letzten Trainings in der nächsten Maßnahme weitergehen, quasi der gleiche Inhalt, nur 'ne andere Verpackung. Beginn schon in wenigen Tagen … und sie hätte sich gleich entscheiden müssen, sollte keine Wahl haben...

Und nun, mit der Begleitung, war der Fallmanager wie ausgewechselt, als hätte es das letzte Gespräch niemals gegeben:  Druck, Insistieren, keine Wahl lassen wollen - davon war heute nichts zu spüren.

ALSO dann, ... öfters mal mit Begleitung ins Amt!

‚Eine deutsche Willkommenskultur' - viel zu wenig Geld vom Amt

Wir trafen uns vor'm Amt, Flüchtlinge, hierher gekommen aus Kriegsgebieten, schon einige Zeit hier, Job gefunden, Job verloren, mit Job Hartz IV, ohne Job erst Recht Hartz IV. Und nun? Sie sprechen uns an, irgendwie klappt es seit einigen Monaten überhaupt nicht mehr mit dem Geld. Schon zwei Monate ist die Miete nicht gezahlt, es gibt ein ganz keines Kind zu Hause und Druck vom Vermieter... willkommen in D!

Was nun? Die Verständigung in Deutsch geht wohl ganz gut, alle Unterlagen sind super geordnet, aber trotzdem fehlt der Durchblick. Warum nur fehlte zuletzt das Geld für die Miete? Waren's unaufschiebbare Ausgaben für das Kleinkind?

Was stellte sich heraus? Zwar war diesmal auch mit der Akte des Jobcenters alles in Ordnung, zumindst waren dort alle eingereichten Unterlagen angekommen und eingeordnet. Auch der Beleg zur Beendigung des letzten Jobs war gleich eingereicht und im Amt auch dort abgeheftet worden. Und trotzdem wurde der Monatslohn einer Vollzeitstelle noch einen Monat lang auf's Alg II angerechnet worden, obwohl in diesem Monat kein Geld mehr kam.

Damit fehlte quasi das Geld einer ganzen Familie für den kompletten Monat, ein guter Tausender. Das war's dann mit der Mietzahlung.

Gemerkt hatte das niemand, nicht im, nicht außerhalb des Amtes. Als der Fehler gefunden wurde konnte die fehlende Miete an den Vermieter überwiesen werden und auch für eine Überweisung auf das eigene Konto war noch etwas Geld übrig.

 

Die Pest: Fehlberechnung beim Elterngeld

Dann habe ich mir die Unterlagen dieser Familie gleich weiter angeschaut und fand das Elterngeld im Alg-II-Berechnungsbogen. Bis auf 30 Euro hat das Jobcenter dieses mit dem Alg II verrechnet. Durfte das? Quasi ganz ohne Freibetrag?

Ich fragte nach: Bis kurz vor Geburt des Kindes hatte der Elterngeldberechtigte gearbeitet! In diesem Fall werden jedoch gut 300 Euro des Elterngelds auf das Alg II nicht angerechnet. Das heißt, diese Famile hat monatlich gut 300 € mehr zum Leben! - Wenn die beteiligten Ämter alles richtig machen.

Woran lags? Die Elterngeldstelle hatte nicht verstanden, dass hier grad ein Arbeitnehmer Vater geworden war - und in dieser Stelle wurde wohl auch nicht genau genug nachgefragt. Einen Dolmetscher hätte es dort wohl schon gebraucht, denn dass die Antragsteller dort gefragt wurden, ob im Jahr vor der Geburt Arbeitseinkommen erzielt wurde, war der Familie nicht vermittelt worden. Aber in der Eltergeldstelle sei "ein solcher Fall noch nie vorgekommen" (O-Ton bei der Vorsprache dort).

Jetzt hat die Familie rund 350 Euro mehr im Monat, zwölf Monate lang. Neben dem 300-Euro-Freibetrag für zuvor beschäftigte Eltern sind vom Elterngeld weitere 30 Euro für private Versicherungen wie auch der Monatsbetrag einer vielleicht vorhandenen KFZ-Versicherung auf das Alg II nicht anrechenbar!

Ohne sorgfältige Beratung, ohne gute Übersetzung, während und nach dem Zahltag, wären wir nicht zu diesem Ergebnis gekommen.

Und ist das wahr: Gut 300 Euro weniger im Monat zum Leben, nur weil eine Behördenberatung nicht so gut funktioniert wie es sein müsste, nur weil niemand da war, der Menschen hier auch in ihrer Sprache erklärte, was es braucht zum Leben in der deutschen Leitkultur?

P.S. Wer Fragen hat zum gleichzeitigen Bezug von Elterngeld und Alg II kann sich gern bei uns beraten lassen. Bitte bringt dazu den Elterngeldbescheid, mögliche Verdienstabrechnungen aus dem Jahr vor der Kindesgeburt und die Alg-II-Bescheide aus der Zeit des Elterngeldbezugs mit. Seht dazu auch das ALSO-Infoblatt Alg II mit Kindern.

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