Greifen Bauern erneut zum Milchstreik?

Innehalten versus Marketing

Das bild eigt einen Ausschnitt aus dem reichlich gefüllten Versammlungsraum in Heinemanns Gasthof in WesterstedeDer Milchpreis ist im Keller. Er liegt hier bei 28 bis 29 €-Cent/Liter. Die Milchproduktion geht hingegen durch die Decke. Nötig wären für den Fortbestand der Höfe und auskömmliche Einkommen der dort lebenden Menschen zwischen 40 und 50 Cent/Liter.
Während immer mehr Milchbauernhöfe das Erzeugen von Milch aufgeben, wächst die Zahl der gemolkenen Liter immer weiter, besonders in Niedersachsen. Nicht unbeteiligt sind Melkroboter, unbeteiligt immer mehr Arbeitskräfte. Ergebnis sind immer weniger Sorge um das Tierwohl, immer mehr Kühe ohne Weidegang, immer höhere Kredite für immer größere Ställe. Auch wir wissen inzwischen, dass ein Überangebot hochverderblicher Ware (= Milch) die Macht des Handels stärkt, es ALDI, EDEKA Lidl und Co erlaubt, den Erzeugerpreis immer weiter zu drücken. Drei bis fünf Prozent Überangebot ruinieren den Erzeugerpreis.

Entsprechend diskutierten gut 250 Bäuerinnen und Bauern am Montag Abend (15. 6.) in Westerstede. Bauern müssten sich zusammen schließen, selbst die Steuerung der Milchmenge (weniger Kraftfutter füttern => weniger Milchleistung) in die Hand nehmen, statt sich gegeneinander ausspielen zu lassen (gute Bauern/schlechte Bauern, kleinere Höfe/große Höfe, wachse oder weiche…).

Angesichts der immer weiter steigenden Milchmengen raten Vertreter von Molkereien, Bauernverband, und Spitzen-Politiker zur Steigerung des Exports. Der CSU-Politiker und Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt kündigte an "sich auch weiterhin um den Export von Milch und Milchprodukten zu kümmern" (NWZ, 16. 6.) Der gute Export habe auch den Bauern hier geholfen und helfe ihnen noch heute, zumindest knapp 30 Cent je Liter zu bekommen, so die Wachstumsenthusiansten aus den Vorstandsetagen. Bauern hielten den Exportbefürwortern entgegen, sie wollten nicht von dem Leid ihrer Kollegen in aller Welt profitieren, so z. B. dem der Neuseeländischen Milcherzeuger, die in letzter Zeit dürrebedingt immer weniger Milch liefern konnten.

Das bild zeigt den AbL-Aktivisten Ottmar Ilchmann bei einem Beitrag"Niedersachsens Milchbauern sind verzweifelt. »Die Situation auf den Höfen ist teils dramatisch. Viele Betriebe werden in die Insolvenz gehen. Rechnungen stapeln sich und können nicht mehr bezahlt werden«, sagt Romuald Schaber, Chef des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter" schreibt die Ostfriesenzeitung.

Ein befreundeter Bauer aus dem Ammerland erklärte uns, dass rund 2/3 der Veranstaltungsteilnehmer_innen nicht bei den agrarindustriekritischen Bauernverbänden AbL und Bund dt. Milchviehhalter organisierten Kollegen gewesen seien. Trotzdem blieb Zustimmung zu Referenten-Beiträgen aus, die "Geduld", "Vertrauen in den Markt", "Rücklagen bilden in guten Jahren" propagierten und von den "natürlichen Schwankungen des Milchpreises in Dreijahreszyklen" sprachen. 

Zu offensichtlich wirken die Marktmechanismen, wo die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels auch aufgrund der Uneinigkeit der Milcherzeuger unangetastet bleibt. Mit einem Aufruf zur Solidarität unter seinen bäuerlichen Kolleginnen und Kollegen und harscher Kritik an der Ratlosigkeit der herrschenden Wachstumspolitik gegenüber der Verarmung und Enteignung der bäuerlichen Kultur beschloss Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Rhauderfehn und niedersächsischer AbL-Aktivist, die Debatten kurz vor 23 Uhr.

  • Lest dazu auch den Bericht "Mahnfeuer zum Tag der Milch (1. Juni)" wie auch die Stellungnahme der AbL: "Zu viel Milch erst gar nicht erzeugen".
  • Die NWZ berichtete am 17. 6. unter dem Titel "Emotionen kochen bei vielen Bauern hoch".
  • Den nun bereits sieben Jahre zurück liegenden zehntägigen MIlchlieferstreik vom Frühjahr 2008 beleuchtete Ulrich Jasper in seinem Beitrag für den "kritischen Agrarbericht 2009". Damals machten bald zwei Drittel der bundesdeutschen Milchbauern beim Streik mit. Dieser Beitrag, der (leider) noch immer aktuell ist und auch für die jetzige Situation die Fragen auf den Punkt bringt, wird bei der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zum freien Herunterladen angeboten (PDF 400 kb). Hier – um Appetit auf mehr zu machen – der Anfang dieses Beitrags:

Milchstreik 2008
Starke Bewegung, selbstbewusste Bauern und Bäuerinnen, solidarisches Handeln

Agrarpolitisch ist 2008 das Jahr der Milchviehhalter. Fast zehn Tage lang haben rund zwei Drittel der deutschen Milcherzeuger den Milchfluss zu den Molkereien gestoppt. Eine ungeahnt hohe Beteiligung und eine überwältigende Sympathie in der Bevölkerung wurden erreicht. Der folgende Beitrag erklärt die Vorgeschichte, Hintergründe und Zusammenhänge dieses „historischen Ereignisses". Berichtet wird über die zähen Verhandlungen mit der Milchindustrie und die ersten Erfolge am Markt. Und über das politische Tauziehen, in dem der Deutsche Bauernverband sich gegen die Streikenden gestellt und die Politik ihr Wort gebrochen hat. Die Perspektive für die Milchbauern und -bäuerinnen lautet: eigenständige Interessenvertretung mit dem Ziel kostendeckender Preise durch eine bedarfsorientierte Mengensteuerung. …

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