Ein fetter Wolf in Wardenburg?

"Das Verhalten des Raubtieres gilt als kritisch", "Notfall", "drastische Maßnahmen", "Gummigeschosse", "es könnte sich um einen verhaltensauffälligen Wolf handeln … in Wohngebieten". So die NWZ. Hoppla - schaut doch einmal bei der NWZ näher hin: Die Bilder zeigen ein ausgesprochen wohlgenährtes Tier, die kurzen Filmsequenzen von zwei SpaziergängerInnen ein eher träges Tier, das sich auf einem Acker den Bauch weiter vollschlägt. Also kein Grund zur Panik. Der NDR (5. 3.) bemüht sich um Versachlichung und lässt einen Schäfer und Wolfsnachbarn zu Wort kommen.

Umweltschützer raten davon ab, Wölfe zu füttern, sie damit anzulocken, ihnen das Abstandhalten von Menschen abzugewöhnen. Gut. Die Bilder in der NWZ zeigen je ein offenbar ausgesprochen wohl genährtes Tier auf gelassener Futtersuche. Sei es dort, wo es durch eine Vorstadt trollt, sei es  beim Schmaus auf dem Acker.

Hundehalter wissen, dass die besonders stinkenden Äcker nahe Oldenburg für den eigenen Wuff an der Leine oft besondere attraktiv sind. Denn nicht nur Gülle und Mist bringen  Mais und Wiesen der kommenden Saison in Schwung. Immer wieder düngen Tierkadaver die Äcker, oft Geflügel, mehr oder weniger stark verweest - eben das, was anfällt, wenn ein Geflügel-Maststall ausgeräumt wird, nachdem der letzte Tier-Besatz schlachtreif zur Fabrik verbracht wurde. Auch das in der NWZ dokumentierte hundeartige Tier nahe Tüdick hat dem Anschein der Bilder nach einige Kilos zu viel auf den Rippen. Im Film hielt es sich an dem schadlos, was es dort auf dem Acker fand. Eher schweren Schritts trollte es vom Acker - satt. Bei der Begegnung mit den Spaziergängern machte es sich langsam davon, als es von deren Cocker Spaniel angebellt wurde - wahrscheinlich genervt von der Bellerei des Domestiken.

Das größte Problem bei diesen Tieren wird wohl sein, wie ihre Mägen die Exkremente der Fleischindustrie verdaut kriegen, ohne sich danach tagelang mit Durchfall rumplagen zu müssen.

Wer in Süd-Oldenburg keine fetten Wölfe will, sollte keine (Fleisch-)Abfälle in die Gegend kippen. An ab und an durch Ortschaften schlendernde Wölfe sind Menschen in vielen Ländern längst gewöhnt. Also auch hier kein Grund zur Panik(-mache). Eher schon dazu in Süd-Oldenburg den Müll wegzuräumen.

Warum nun auch noch der Wolf auf der ALSO-Seite?

Ein Bericht über das vermutete Auftauchen eines Wolfes im Raum Oldenburg – was hat der auf der ALSO-Seite zu suchen? Einige Antworten:

• Die boomende Fleischindustrie Süd-Oldenburgs, die damit in Verbindung stehende Schaffung von "Arbeitsplätzen" in einem hochprofitablen und von großer Konkurrenz und geringer Kontrolldichte gekennzeichnetem Wirtschaftssektor zeitigt verschiedenen Folgen. Das Phänomen, dass es offenbar auch eine billige Möglichkeit ist, den Abfall aus Mastställen einfach in die Gegend zu kippen oder aber von Flächeneigentümern (wie hier z. B. einem Reiterhof, der Geflügelmastabfälle und -rückstände auf seine Wiesen kippen lies) auch noch am Fleischboom mit zu profitieren, indem sie ihre Wiesen zur Aasentsorgung anbieten, ist zudem ein wichtiger Aspekt, wenn auch ein bisher genau so wenig angesprochener wie 'appetitlicher'.
Hier geht zudem um die Frage: warum läuft das Geschäft der Fleischmafia mit der Sklavenarbeit z. B. in Süd-Oldenburg bisher wie geschmiert? Die Antwort: weil auch ganz viele branchenfremde 'Einheimische' individuell daran profitieren und im Ergebnis mitmachen.

• Die öffentliche Kampagne gegen 'den Wolf' ist ein anderer Aspekt:
In der Medienberichterstattung unterschlagen wird, Wölfe sind (auch) Aasfresser. Wer Aas in die Gegend kippt braucht sich also über deren Eintreffen weder zu wundern noch zu empören. Schließlich wird dies befördert durch aktives Handeln der hier wirtschaftenden Menschen und Betriebe selbst. Dass ein solches Tier nun als "verhaltensauffällig" klassifiziert und damit zum Abschuss freigegeben werden soll, ist ein prägnantes Beispiel wie (Medien-)Politik und Stimmungen in der Bevölkerung gemacht werden. Hier (wie auch auf eine sehr vergleichbare Art z. B. bei den Dresdner Pegidas) wird zum Beispiel in Medien wie der NWZ ein Opfer, eine Konsequenz, hier ein einzelner Wolf, dort Menschen mit bestimmter Herkunft oder religiöser Orientierung, zum angeblichen Problem hochstilisiert, während die zugrunde liegenden bzw. vorausgehenden politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen und Prozesse mit dem Mäntelchen des Schweigens umhüllt werden.

Würden Menschen nicht die Existenzgrundlagen entzogen und vertrieben, bräuchte sich global niemand mit Folgen wie Erwerbs-Migration und Flucht zu befassen. Wer keine Nahrungsquellen wie Kadaver aus Geflügel-Mastanlagen anbietet, sei es auf Äckern oder Wiesen, sei es andere Nahrungsquellen in Wohngebieten, braucht sich nicht mit denen zu befassen, die diese nuten wollen, z. B. den sich am Aas ausgesprochen gut ernährenden Wölfen. Dass diese eine etwas geringere Fluchtdistanz zu denjenigen entwickeln, die ihnen die Nahrungsquellen eröffnen, liegt dann nun wirklich "in der Natur der Sache", ist aber überhaupt kein Zeichen einer "Verhaltensauffälligkeit".

Es galt beim Artikel um "den Wolf" den Blickwinkel dafür zu schärfen, dass es das Wirtschaften z. B. in der Region Oldenburg ist, das der konkreten Form des Auftauchens dieses Wolfes voraus geht. Wer nun das Abschiessen dieses Wolfes fordert, liefert primitive Argumente und befördert alt hergebrachte Reaktionsstereotype, die seit den Zeiten des finstersten christlichen Mittelalters bis heute in Europa gegen alle Versuche der Aufklärung überdauern und von einschlägigen (Männer-)Verbänden gepflegt werden. Statt diesen zu folgen, wäre es klüger darüber nachzudenken, welchen angebotenen Denkschemata er aufsitzen möchte (oder nicht). Es ist das gleiche, jeglicher Aufklärung widersprechende, Denk- und Reaktions-Muster, das der Unterstützung der Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in Rostock-Lichtenhagen in vielen Teilen der dortigen Nachbarschaft zu Grunde lag.

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Kommentare

Kommentar von Mathias Voges |

Vielen Dank für den Bericht, der durch seine sachliche, argumentativ gute Behandlung des Themas einen umfangreichen Blick wirft und hilft, die eigene Sicht auf dieses Thema und grundsätzlich umfangreicher zu entwickeln.

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