Der 1 . Mai

und was die ALSO dazu zu sagen hat ...

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1. Mai 2010

Asche auf unser Haupt

Vierzig Prozent aller Exportgüter aus Deutschland werden mit Flugzeugen in die ganze Welt transportiert, Maschinen, Stahl, Chemie, Milchpulver, Rüstungsgüter.

Blumen aus Afrika, Hummer aus Asien, Kaffee, Früchte aus Südamerika kommen mit Flugzeugen zu uns nach Europa.

Ein Vulkan speit mal kurz Feuer und Asche, und schon liegt der gesamte Flugverkehr über Europa lahm. Der gigantische Moloch des kapitalistischen Marktes gerät ins Stocken, und wir haben einen kurzen Blick auf das Ausmaß des globalisierten Kapitalismus, auf den perversen Überfluss hier, der krasser Armut dort gegenübersteht – aber auch darauf, wie empfindlich diese ganze Veranstaltung ist. Wie wenig bedarf es, um den Fluss der kapitalistischen Warenwirtschaft zum Stillstand zu bringen? Welches Chaos wird es geben, wenn tatsächlich bald die fossilen Energieressourcen auf der Erde verbraucht sind?

Nun startet die kapitalistische Weltwirtschaft wieder durch. „Zack – der erste Mai steht vor der Tür, und immer noch müssen wir uns über denselben Scheiß beklagen“ ?

Über denselben Scheiß? Haben wir nicht vor einem Jahr noch über die Chancen der Krise geredet und gesagt, dass die Krise antikapitalistisches Bewusstsein fördert? Dass die Krise des Kapitalismus die Stunde der Linken ist?

Während wir noch rufen „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“ hat der Bauer in Indien seine erpressten Schulden beim Saatgutkonzern Monsanto mit Selbstmord bezahlt, bezahlen die Menschen im Kongo, im Sudan oder in Angola den Reichtum ihrer Länder an Diamanten, Öl oder Tropenhölzern mit Krieg, Ausbeutung und Vergewaltigung, bezahlen die Bauern in Lateinamerika unseren Fleischkonsum mit der Vertreibung von ihren Ländereien.

Ein Vulkan legt für kurze Zeit den kapitalistischen Moloch lahm – aber die gleiche Macht wie Feuer und Asche hätten auch gut organisierte Transportarbeiter, Schiffs- und Flugzeugbesatzungen.

Piloten streiken für mehr Geld, Hafenarbeiter für ihre Arbeitsplätze, Kapitäne für bessere Arbeitsbedingungen. Gewerkschaften kümmern sich um Gewerkschafter, Erwerbsloseninitiativen um Erwerbslose, Autonome um ihre Autonomie, Umweltschützer um die Umwelt.

Sind wir Gefangene der globalisierten Warenwirtschaft? Sind wir verhaftet in gesellschaftlich vorgegebenen Denk- und Verhaltensmustern? Wir reagieren, wie es erwartet wird. Wir folgen mit unseren Protesten den Mächtigen zu ihren inszenierten Demonstrationen der Macht, wir folgen den Neonazis quer durch die Städte, wir folgen der Krise mit unseren Demonstrationen. Wir fahren Auto, wir kaufen bei Aldi und Lidl, wir richten unsere Wohnungen ein, wir fliegen mit dem Flugzeug in den Urlaub.

Wie fühlen sich

  • die VerkäuferInnen bei Schlecker, die gekündigt werden, um danach über eine Leiharbeitsfirma im neuen Schlecker XL-Markt für 6,78 Euro statt vorher 12,70 Euro pro Stunde wieder eingestellt zu werden,

  • die alleinerziehenden HartzIV-Bezieherinnen, denen spätrömische Dekadenz vorgeworfen wird, um die lächerlichen 359,- Euro Regelsatz noch weiter zu kürzen,

  • die VW-Arbeiter, die nicht mehr in Gruppen, sondern für weniger Geld wieder in monotoner Fließbandproduktion Autos zusammenbauen sollen,

  • die Bauern, deren kleine Familienbetriebe vernichtet werden sollen, z.B. um Platz zu machen für riesige Mais- und Rapsfelder zur Energiegewinnung,

  • die Angestellten in den Büros, Banken und Versicherungen, die auf Überstundenvergütung, Pausen und geregelte Arbeitszeiten verzichten sollen, weil sie sonst das ständig steigende Arbeitspensum nicht mehr bewältigen können,

wie fühlen sie sich, was sind ihre Bedürfnisse, was sind ihre Forderungen?

Sie fühlen sich gestresst, sie wünschen sich menschlichere Arbeitsbedingungen, sie fordern mehr Einkommen. Sie wollen bei Aldi und Lidl einkaufen, um für das Auto zu sparen, sie wollen ihre Wohnungen einrichten und mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen.

Warum sollten sie auch etwas anderes wollen, als alle anderen und wir selbst auch?

Wo ist der Weg, die vielen unterschiedlichen Welten zusammenzuführen? Wo ist der Weg, auf dem wir die scheinbar unbegrenzte Integrationsfähigkeit der kapitalistischen Marktwirtschaft durchbrechen?

Wir finden ihn sicher nicht, wenn wir in unseren isolierten Paralleluniversen verharren, mit der trügerischen Gewissheit, in jedem Fall politisch sauber zu bleiben. Und mehr Kiffen und Chillen hat schon immer den Anfang vom Ende jeder Bewegung eingeläutet.

Lasst uns die gesellschaftlichen Zäune und Mauern aufbrechen, überraschende Wege gehen und die unsichtbaren Grenzen zwischen den künstlichen Parallelwelten durchbrechen. Aufeinander zugehen – und nicht ausweichen! Differenzen aushalten und voneinander lernen! Fragend schreiten wir voran!

Zum Ende dieses Jahres muss die Bundesregierung die HartzIV-Regelsätze neu festlegen. Es geht direkt um das Einkommen von Millionen Menschen und indirekt darum, zu welchem Lohn Menschen in dieser Gesellschaft zur Arbeit gezwungen werden. Es geht um ein Grundeinkommen für alle, die nicht arbeiten, um einen Mindestlohn für alle, die arbeiten, und um die gerechte Verteilung der gesamten gesellschaftlich notwendigen Arbeit in der Gesellschaft.

Aber wir fragen uns, ob in dieser Auseinandersetzung nicht noch viel mehr stecken könnte. Wir wollen nicht einfach nur mehr Geld fordern – für Auto, Schnaps und Urlaub und die sogenannte Ankurbelung der Wirtschaft über die Nachfrage und noch mehr Konsum.

Wir fragen, ob es uns gelingen könnte, die Auseinandersetzung um mehr Einkommen auszuweiten auf die Produktionsbedingungen und die Qualität unserer Nahrungsmittel und die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse. Wir wollen als Erwerbslose eben nicht gezwungen werden, mit unseren Einkäufen die Ausbeutungspraktiken von Lidl in Bangladesch zu unterstützen, wir wollen nicht auf Dumpingpreise angewiesen sein, mit denen die Existenz der regionalen Lebensmittelproduzenten vernichtet wird.

Deshalb fragen wir, ob in den Kämpfen für ein Grundeinkommen und für einen gesetzlichen Mindestlohn nicht der Kampf um solidarische und ökologisch nachhaltige Produktions- und Verteilungsbedingungen auf der ganzen Welt notwendig enthalten sein muss?

Deshalb fragen wir, ob wir die Kämpfe der VerkäuferInnen bei den Discountern um mehr Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen, die Kämpfe der Milchbauern um faire Milchpreise, die Kämpfe der Umweltverbände gegen die Atom- und Gentechnologie nicht zu einem gemeinsamen Kampf für eine bessere Welt vereinen können!

Es gibt eine Zeit der Besinnung, und es gibt eine Zeit, um einzugreifen. „Zack – der erste Mai 2011 steht vor der Tür, und immer noch müssen wir uns über denselben Scheiß beklagen“?

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