Blockade der Molkerei um die Ecke

Einfahrt zur DMK-Molkerei Edewecht ist dicht – 120 Milchbauern mit 60 Treckern stehen vor Käsewerk der größten deutschen Molkerei (Pressemitteilung der AbL vom 29.09.2016)

Aus Protest gegen die ruinös schlechten Milchpreise der größten deutschen Molkerei DMK (Deutsches Milchkontor) sind heute (Montag, 29.08.2016) Abend über 120 Milchbauern und Bäuerinnen mit rund 60 Treckern zum DMK-Werk im niedersächsischen Edewecht gefahren. Nach Angaben von Teilnehmern stehen viele Trecker und Personen in einer Einfahrt zum Werk und behindern so den LKW-Verkehr. Vor allem junge Milcherzeuger sind mit den Schleppern gekommen.

Die Milchpreise des Molkereikonzerns DMK sind in Deutschland und auch im europäischen Vergleich Schlusslicht. DMK zahlt nur 20 Cent je Liter Milch, das sind fünf Cent weniger als der EU-Durchschnitt. Das DMK bedroht damit die wirtschaftliche Zukunft von Tausenden Milchviehbetrieben. Wir müssen uns wehren", kommentiert Ottmar Ilchmann, stellvertretender AbL-Vorsitzender und Milchbauer in Ostfriesland.

Er ist ebenfalls in Edewecht vor Ort. Ilchmann wirft der Molkerei-Spitze aus Vorstand, Geschäftsführung und Aufsichtsrat Fehlentscheidungen vor, die voll zu Lasten der Milchlieferanten gingen. Offenbar sind die Milcherzeuger in Edewecht bereit, noch einige Zeit vor dem Werk auszuharren.
Von der DMK-Spitze sind noch keine Reaktionen bekannt.
Kontakt für die Redaktionen: Ottmar Ilchmann, mobil: 0176-45000760

Vom BUND (Bund Umwelt und Naturschutz Niedersachsen) und dem Agrarbündnis Niedersachsen erreichte folgende Botschaft die BäuerInnen:

"Lieber Ottmar, liebe Aktive vor Ort, liebe Milchbauern,
Widerstand gegen die ruinösen Milchpreise und die Agrarpolitik, die dazu führt ist notwendig.
Die Gesellschaft braucht Euch und muss sich solidarisch zeigen.
Danke und alles Gute
Tilman Uhlenhaut
Agrarbündnis Niedersachsen und
BUND Niedersachsen"

Mitternachtstreffen

Gegen 24 Uhr soll es dann ein Gespräch von Vertretern von des Budnesverbandes Dt. Milchviehhalter, der Arbeitsgemeisnchaft bäuerliche Landwirtschaft und dem nds. Landvolk mit der Werksleitung gegeben haben, bei dem auch DMK-Vorstand Reiner Lübben anwesend war.
Anfängliche Andeutungen zu eventuellen Schadenersatzforderungen gegen die Milchbauern soll die Werksführung dabei wieder zurückgenommen haben.
Gegen 1 Uhr nachts fuhren die ersten Milchbauern wieder zurück auf ihre Höfe.

Wie das Landwirtschaftsportal www.topagrar.com am 3.9. berichtete, erhöht DMK nun die Milchpreise, das heißt die Auszhalung für die liefernden Bäuerinnen udn Bauern. Demnach steigt der Grundpreis für September um 2,2 auf 22,2 ct/kg Milch mit 4,0 % Fett, 3,4 % Eiweiß (ohne Zu- und Abschläge) und in den nächsten Monaten soll der Milchpreis weiter steigen.

Diesen ersten Erfolg dürfen sich unsere Freundinnen und Freunde aus dem Nordwesten Niedersachsen sicher auf ihre Fahnen schreiben.

Für Ottmar Ilchmann von der AbL ist das allenfalls ein erster Schritt. Bis Jahresende müsse der Preis bei mindestens 30 Cent/kg (=Liter) liegen.
"Denn dieser Preis bedeutet für die Milcherzeuger weiterhin Verlust mit jedem Liter Milch. Wir fordern die DMK-Spitze auf, bis zum Ende des Jahres mindestens 30 Cent je Liter Milch zu zahlen, so wie es die größte französische Molkerei Lactalis auf Druck französischer Milchbauern bereits zugesagt hat" – so zitiert topagrar den Milchbauern aus Rhauderfehn.

Die AbL führt weiter aus, dass bei der niederländischen Genossenschaftsmolkerei Friesland/Campina im September 2016 wieder bei 26,25 Cent/Liter liegen soll. "Und am so genannten Spotmarkt für Milch, also dem Milchverkauf zwischen Molkereien, sei der Preis gerade auf bis zu 32 Cent je Liter gestiegen."

Die AbL fordert dort weiter, der Überproduktion von Milch entgegenzutreten, die Milchmenge zu begrenzen um höhere Milchauszhalungspreise für die Bäuer_innen zu erreichen: „Die Molkereien haben nach wie vor das Recht, mit gezielten Maßnahmen wie einem Bonus für leichte Mengenbegrenzungen den Überschuss am Milchmarkt solidarisch und koordiniert abzubauen und damit für den notwendigen deutlichen Anstieg der Milcherzeugerpreise zu sorgen."

Non, la crise n’est pas terminée!

Erst ab 35-€-Cent/Liter Milch könne von einer Kostendeckung in Frankreich gesprochen werden, so am 30.8.16 die frz. Bauerngewerkschaft La Confédération Paysanne zum beim dortigen Molkereikonzern Lactalis erreichten Milchpreis von 29 Cent/Liter.
Aber auch dieser Preis bedeute immer noch nur ein Almosen für die Bäuerinnen und Bauern, mit dem sich diese nicht abspeisen ließen. Im Jahresschnitt 2016 läge der Preis damit immer noch bei 27-€-Cent/Liter, dem Preis des Krisenjahres 2009. Erst ab einem Preis von 35 Cent je Liter könne von einer Produktionskostendeckung und von einem Lohn für die Arbeit gesprochen werden. Heute seien die Bäuerinnen und Bauern damit noch weit von einer Lösung ihrer Existenzkrise entfernt.
Staatliche Nothilfen, wie z.B. die am 19.8. angekündigten Maßnahmen des Agrarrates der Europäischen Union, seien an dieser Stelle hingegen nur Teil einer Kommunikations- und Verhandlungsstrategie, die kaum verbergen könne Teil eines gigantischen Plans zu sein, Bäuerinnen, Bauern sowie Landarbeiter_innen zu entlassen.
Die jetzigen Preiserhöhungen brächten ihnen damit zwar eine gewisse Atempause, doch eine Zukunft gäbe es für sie in einer liberalisierten Landwirtschaft nicht – die Bauerngewerkschaft rief die Landwirte auf weiterhin für ihre Zukunft zu kämpfen.
(Zusammengefaßt La Confédération Paysanne auf deren Webseite; gelesen dort von ALSO).

 

Mehr Infos:
Einen ausführlichen Bericht zur Lage von Milchbauern in Niedersachsen brachten Alexander Budde und Dietrich Mohaupt im LÄNDERREPORT (Beitrag vom 01.09.2016) des "deutschlandradio kultur" unter dem Titel: "Niedersachsen – Milchbauern in Not".

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