ALSO zum 1. Mai

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich heisse Cindy und arbeite für die „Confédération Paysanne", eine französische Bauerngewerkschaft (Mitglied von La Via Campesina), die für eine bäuerliche Landwirtschaft und die Rechte der Landarbeitern/innen eintritt.

Warum bin ich hier?
In Frankreich loben Regierungen und Repräsentanten der Agrarindustrie die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft und besonders der Fleischindustrie als Vorbild für die Entwicklung von Frankreichs Landwirtschaft. Das Anliegen von La Confédération Paysanne ist dagegen, die sozialen und ökologischen Realitäten aufzuzeigen. Ich möchte während meines Aufenthaltes in Deutschland die wirklichen Arbeitsbedingungen der migrantischen Arbeitskräfte und die Situation der bäuerlichen Landwirtschaft untersuchen und darüber berichten.
Unser weitergehendes Ziel ist, ein europaweites Verteidigungsnetz für die bäuerliche Landwirtschaft und die migrantischen LandarbeiterInnen zu bilden.

Am letzten Samstag, am 26. April 2014, war ich zusammen mit Leuten von der ALSO in Cloppenburg: 

Das „Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt" hatte zur Demonstration gegen die menschenunwürdigen Arbeits-, Lebens- und Wohnverhältnisse der osteuropäischen Werkvertragsarbeiter in der Fleischindustrie aufgerufen. Die RednerInnen prangerten übereinstimmend die Missstände an und beklagten, dass sich seit Jahren kaum etwas ändere. Es muss gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten innerhalb eines Betriebs geben. Werkverträge und Leiharbeit gehören abgeschafft. Der gesetzliche Mindestlohn muss flächendeckend und ohne Ausnahme für alle hier arbeitenden Menschen gelten. Aber 8,50 Euro sind zu wenig und können nur der Anfang sein.
Die Kette der Missstände und die Reden, die sie beschreiben, sind lang. Die Verhältnisse und die Forderungen, die sie verändern sollen, sind kompliziert. Die moralische Betroffenheit ist groß - aber die Zahl der Teilnehmenden an der Versammlung ist klein...

Träumte ich es nur? 

Denn plötzlich kommt Leben in die Versammlung. Frauen und Männer aus allen möglichen Ländern strömen mit ihren Kindern auf den Versammlungsplatz.

Autonome, nicht im martialischen Schwarz, sondern in Tierkostüme gekleidet. Gewerkschafter ohne Trillerpfeifen, einige allerdings mit zu Didgeridoo-Hörnern umgebauten Abflussrohren. Bauern treiben Schweine und Hühner auf den Platz. Pastoren und Nonnen erscheinen in ihren Berufskostümen - der Platz füllt sich, und bald kann man Teilnehmende und Interessiert nicht mehr voneinander unterscheiden.

Vor dem Rednerpult bildet sich eine Schlange. Höflich geben sich die Frauen und Männer das Mikrofon nacheinander in die Hand. Es herrscht plötzlich eine gespannte Aufmerksamkeit auf dem Platz, die nur hin und wieder vom Grunzen eines Schweins oder dem Gackern eines Huhns durchbrochen wird.

Ich bin Marina. Ich verpacke hier Fleisch im Schlachthof. Als ich einmal Urlaub wollte, um meine kranke Mutter zuhause in Rumänien zu besuchen, sollte ich 400 Euro dafür bezahlen. Ich bin nicht freiwillig hier. Die Fabrik in Rumänien, in der ich gearbeitet habe, hat in der Krise Pleite gemacht. Heute steht dort eine deutsche Fabrik mit halb so vielen Arbeitsplätzen.

Ich bin José aus Spanien. Meinen Husten werde ich nicht mehr los. Schutzkleidung gibt es nicht. Das Gemüse unter den Foliendächern in Almeria wird auch bei 50 Grad Hitze gespritzt - im Akkord. Die Erträge müssen für die Großaufträge der Discounter reichen - zu Preisen, die für mich einen Lohn von 25 Euro für einen Zwölf-Stunden-Tag und Krankheit bedeuten.

Ich bin Marta aus Deutschland. Ich habe vorher 13,67 Euro die Stunde fürs Regale auffüllen im Supermarkt verdient. Dann wurde ich entlassen und von einer Werkvertragsfirma wieder angestellt. Nun bekomme ich 6,50 Euro - fürs Regale auffüllen im selben Supermarkt. Ich habe jetzt bereits 35 Überstunden, die noch nicht bezahlt sind. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Nächste Woche habe ich einen Termin bei der ALSO. Vielleicht habe ich noch Anspruch auf ergänzendes Hartz IV.

Ich bin Kamil aus Polen. Ich arbeite als Zerleger in der Schlachtabteilung. Als ich krank wurde, sollte ich entlassen werden. Dank der Beratung hier vor Ort konnte das verhindert werden. Unseren kleinen Bauernhof in Polen mussten wir aufgeben, die Leute konnten ihre Lebensmittel irgendwann billiger beim Discounter einkaufen.

Ich bin Fabienne aus Frankreich. Ich fülle die Formulare der EU-Behörde aus, während Claude die 60 Milchkühe versorgt. Mehr als die Hälfte unserer Einnahmen sind EU-Zuschüsse. Die 35 Cent für den Liter Milch von der Molkerei decken die Ausgaben bei weitem nicht. Die Molkerei konkurriert um die Großaufträge der Discounter. Wir denken darüber nach, uns für einen neuen Stall mit weiteren 100 Kühen zu verschulden. Wachse oder weiche. Oder wir verpachten unser Land für den Maisanbau an einen Biogasanlagenbetreiber.

Ich bin Paul. Mit Hartz IV habe ich für mich 5,40 Euro und für meine 14-jährige Tochter Klara 3,55 Euro für Essen und Trinken. Für den ganzen Tag. Wenn ich heute Abend mal mit ihr ins Restaurant gehe, wird's mit dem Geburtstagsgeschenk eng. Kino? Einladung zum Skatabend? Da ist auch noch die Stromnachzahlung und die drohende Mieterhöhung. Vielleicht im nächsten Monat - wenn die alte Waschmaschine durchhält. Ich würde ja gern mehr arbeiten, gesünder und fairer einkaufen. Geht aber nicht. Also zum Discounter, Brot, Milch, Gemüse und Käse kaufen - 1 Liter Milch für 60 Cent, rote und gelbe Paprika für 1,59 Euro/kg.

Ich bin Dana aus Bulgarien. Ich möchte nicht sagen, wo ich arbeite, ich habe Angst. Mein Mann ist übel verprügelt worden, als er sich darüber beschwert hat, dass er während der Arbeit nicht auf die Toilette durfte. Ich sollte mit dem Vorarbeiter ins Bett, damit er mir überhaupt eine Arbeit gibt. Die deutsche Wirtschaft braucht unsere Arbeitskraft, aber wir sind unsichtbar für die Deutschen.

Ich bin Awa Diallo. Ich besitze nur ein paar Kühe und führe einen kleinen Milchbetrieb in einem Vorort von Dakar. Die Milch verarbeite ich zu Joghurt und Butter. Nun muss ich meine Kühe verkaufen. Mit den Preisen für importierte Trockenmilch aus Europa kann ich nicht konkurrieren.

Bald setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung. Es sind inzwischen so viele Menschen, dass die Demo sich aufteilen muss, um überhaupt voran zu kommen. Um so besser: Der nächste Discounter ist gleich ein paar Straßen weiter. Und die großen Schlachtfabriken kann man auch zu Fuß erreichen.

Auf der Rückfahrt im Auto wache ich wieder auf. Ja, ein europaweites Verteidigungsnetz für die bäuerliche Landwirtschaft und die migrantischen LandarbeiterInnen!

Der europäische Traum von der Annäherung der Lebensverhältnisse in den unterschiedlichen Ländern ist durch die Krise auf den Boden der kapitalistischen Tatsachen zurückgeholt worden. Protziger Reichtum und Wohlstand in den wenigen Wachstumsregionen stehen Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung für die meisten krass gegenüber.
Diese Neuordnung der europäischen Wirtschaftsregion erzeugt neue Wellen der Migration, die sowohl durch Armut und Elend als auch die Nachfrage des Kapitals nach Arbeitskräften bestimmt werden. Das Zentrum der Nachfrage nach Arbeitskräften in Europa ist aber zur Zeit Deutschland. Deshalb können hier die Schotten auch nicht so einfach dicht gemacht werden.

Europa zerfällt, und einige Abwehrreaktionen deuten daraufhin, dass nationalistische und rechtspopulistische Propaganda für viele Menschen attraktiv erscheinen. Aber durch die Migrationsbewegungen werden die scheinbar unvergleichbaren Lebenssituationen in den Armutsregionen der Welt direkt hierher zu uns nach Deutschland geholt. Das globale Dorf, in dem die unterschiedlichen sozialen Realitäten zusammentreffen - das sind zur Zeit wir. Vielleicht liegt darin eine Chance, unterschiedliche Ansätze des Widerstands zusammenzubringen.
Wir behaupten, dass der Schlüssel dazu in den Fragen eines ausreichenden Mindesteinkommens, der Nahrungsmittelproduktion und des Umgangs mit Natur und Tieren liegt. Wo genau, das wissen wir auch nicht. Vielleicht hätte er in Cloppenburg gelegen, vielleicht liegt er in einer Vokü oder auf dem Gemüsemarkt, vielleicht beim Discounter, beim Jobcenter oder in der Schlachtfabrik. Aber eins ist sicher: Der beste Weg, seine Träume zu verwirklichen, ist aufzuwachen und sich einzumischen.

 

Das war der Redebeitrag auf dem Rathausmarkt.
Berichte aus der Arbeit von Cindy Thommerel, auf deren Arbeit vieles im Mai-Demo-Beitrag zurück geht, findet Ihr hier, auf dem fünfsprachigen Blog "Bäuerliche Landwirtschaft und migrantische (Saison-)ArbeiterInnen".

Erstellt am:

Zurück