19. 10.: 700 demonstrieren gegen Megaschlachthof Ahlhorn

Rund 700 Menschen demonstrierten heute in Ahlhorn (Süd-Oldenburg) gegen den dort geplanten Riesenschlachthof (die Betreiber-Angaben zur Schlachtkapazität wechselt wie das Wetter, es sollen wohl rund 240.000 Hähnchenschlachtungen/Tag werden).

Der offiziell als Initiator der geplanten Schlachtfabrik auftretende Herr Kreienborg (er betreibt unter dem Firmennamen Kreienkamp bislang einen Hähnchenschlachthof in Wildeshausen; Kapazität ca. 30.000 Schlachtungen/Tag) führte eine Demo für seinen neuen Schlachthof an, die aus wohl rund 70 bis 80 MitarbeiterInnen des in Ahlhorn bereits laufenden Heidemark-Putenschlachthofes bestand. Das weiter Interessante dabei: Sie trugen die beiden gelben Transparente mit dem Slogan “Wir wollen unsere Arbeitsplätze behalten”, die am 13. Juni diesen Jahres bereits Kreienkamp-Mitarbeiter bei ihrer Teilnahme einer Diskussionsrunde von “Nordwestradio unterwegs” mit sich führten (mehr dazu hier).
Das darf wohl gern als weitere Bestätigung der seit Monaten durch den Buschfunk geisternden Meldungen genommen werden, wonach Herr Kreyenborg nur offiziell allein die Neubaupläne betreibt, während in Wirklichkeit zumindest ein Zusammengehen mit dem dort schon stehenden Heidemark-Schlachthof geplant sei. Und nach wie vor gibt es keine Bestätigung für die Vermutung, dass hinter diesem Schlachthof der in der Schweineschlachtbranche tätige Marktführer Tönnies («FC Schalke») stehe und dass er so sein Angebot an die großen Lebensmittelketten um ein Geflügelsortiment erweitern wolle.

Ab Montag stimmen die Wahlberechtigten der Gemeinde Großenkneten, zu der Ahlhorn gehört, über den Schlachthof ab. Die Gemeinderats-Mehrheitsfraktionen von CDU und FDP wollen sich an das Votum halten. Auf diese Bürgerbefragung bezogen sich auch die RednerInnen der Abschlusskundgebung.

Michael Hettwer vom niedersächsischen Netzwerk gegen Agrarfabriken skizzierte auf der Kundgebung den aktuellen Kampf um Konkurrenzvorteile durch immer größere Schlachtanlagen aber auch die sich quer durch die Republik ausbreitende Bewegung gegen Agrarfabriken. (Den Text seines Redebeitrages findet Ihr hier.)

Uschi Helmers, Sprecherin der Bürgerinitiative gegen die Wietzer Hähnchenschlachtanlage, wies auf die in der Auseinandersetzung in Ahlhorn liegenden Chancen hin. Während bei ihr in Ostniedersachsen die BürgerInnen mit den Ergebnissen des abgeschlossenen Planungsverfahrens konfrontiert wurden, formierte sich die Gegenwehr hier schon im Vorfeld.

In der dort inzwischen betriebenen, weitgehend nach außen abgeschirmten, Anlage würden die dort anfangs noch besser bezahlten Stellen nach und nach durch Leih- und Billigstarbeit ersetzt. Alle anderslautenden Versprechungen lösten sich in Luft auf. Derartige Schlachthöfe seien Bausteine zur Erweiterung des Lohndumpingstandorts Deutschland. Noch heute verweigern sich Bauern, den Weg in die Geflügelmast zu beschreiten und dabei ihre Höfe zu risikieren. (U. Helmers Redebeitrag bei Youtube)

Ottmar Ilchmann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft konnte hier nur zupflichten. Das Risiko der Wachtumsstrategie tragen die Zulieferer, Gewinne erzielten vielleicht wenige "Pioniere" mit neuen Anlagen für kurze Zeit, während die großen Lebensmittelketten immer auf ihre Kosten kommen – auf die Kosten der meisten anderen. Auch für Bauern sei hier und in der modernen Landwirtschaft kein Blumenpott zu gewinnen. Von daher stehe er hier, bei den "Feinden der modernen Landwirtschaft", genau richtig, trete mit ihnen, mit vielen VerbraucherInnen und NaturschützerInnen für eine bäuerliche Landwirtschaft ein, fordert nachdrücklich die Nutzung aller Angebote regionaler Lebensmittelerzeuger und forderte auf, gegen den Schlachthof zu stimmen.

Audra Brinkhus-Salthys vom "Bündnis Menschenwürde in der Arbeitswelt" aus Gewerkschaft, Kirche, Politik und Agrar legte den Schwerpunkt ihres Beitrags auf die Aushebelung deutschen Arbeitsrechts durch das Werkvertragsunwesen und die Realität mittelalterlicher Willkürherrschaft durch sogenannte Chefs der Subunternehmen.

In Südoldenburgs Unternehmen werden inzwischen 80 Prozent der Schlachtungen von Werkvertragskräften vorgenommen, bei einem ersten, Gausepohl/Dissen, bereits 100 Prozent.
Zur Realität gehörten Lohndumping und Sklavereipraktiken gegen osteuropäische und andere migrantische ArbeiterInnen, noch viel geringere Löhne als bei deren Anwerbung vereinbart oder versprochen, komplett undurchschaubare Lohnabrechnungen, diverse Lohnabzüge, selbst die Strafe, zu der ein Werkvertragsunternehmen gerichtlich verurteilt wurde, stellte er seinen Beschäftigten per Lohnabzug in Rechnung.

VertreterInnen der Tafel Ahlhorn ergänzten, Arbeiter der Schlachtindustrie kämen mit ihren Familien bestenfalls mit Hilfe der Tafelspenden über die Runden.

Wohl nur die Gesamtumstände der Abhängigkeit der ArbeiterInnen von den Schlacht- bzw. Sub-Unternehmen und die Möglichkeit, den Samstag statt auf Schicht im Heidemark-Schlachthof bei angenehmem Herbstwetter an der frischen Luft verbringen zu können, konnte den Einsatz der Gegendemonstranten für derartige "Arbeitsplätze" erklären. Und so sah die unangemeldete Demo der 'Neubaubefürworter' aus:

Aus Sicht eines Teilnehmers der ALSO an Demo und Kundgebung in Ahlhorn bleibt nur festzustellen:

  • Arbeitsplätze zu Hungerlöhnen brauchen wir nicht und auch sonst niemand, nicht hier und nicht anderswo.
  • Das Werkvertragssystem im Arbeitsrecht gehört abgeschafft, denn auf diesem Weg werden Belegschaften, die in einem Betrieb schaffen, in unterschiedlichste 'Kasten' geteilt. Teils wird aus Süd-Oldenburger Schlachtfabriken von ehemaligen Mitarbeitern berichtet, dass dort sogar ein strenges Redeverbot zwischen den Festbeschäftigten der Schlachthofeigner und den über Subunternehmen an den Schlacht- und Zerlegestrassen tätigen ArbeiterInnen bestehe.
  • Eine Konzentration der Produktion, wie sie z. B. im Fleischsektor unter Ausnutzung der in der Bundesrepublik für diese Unternehmen geschaffenen günstigen Rahmenbedingungen immer weiter vorangetrieben wird, raubt zu allererst Menschen andernorts ihre Existenzgrundlage.
    Diese Entwicklung geht dabei notwendig einher mit den allüberall zu Tage tretenden unmenschlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen, denn es werden zwar hocheffektive Fabriken aufgebaut, jedoch fehlt die Vorsorge für menschenwürdige Lebensverhältnisse der für diese Produktionsstätten benötigten tausenden Arbeiterinnen und Arbeiter (seien es Wohnungen und Unterstützungseinrichtungen, seien es genug Plätze in Schulen und Kindertagesstätten, sei es geeignetes pädagogisches Personal, seien es öffentliche Verkehrsmittel oder andere öffentliche Einrichtungen).
  • Auf die notwendig mit dieser Konzentration verbundenen Folgeschäden an Kreatur und Natur weisen die Initiativen der Tier- und Umweltschützer mit vollem Recht immer wieder hin. Diese Argumente lassen sich mit keinem Arbeitsplatzargument widerlegen.

Es bleibt dabei:

Shut down Megaschlachthöfe! (Megaschlachthöfe schliessen!; vgl. dazu auch den Beitrag in der ALSO-Zeitschrift quer, Heft 7, freier Download hier)

Kein derartiger Neubau in Ahlhorn oder anderswo!

Mit NEIN stimmen, wo es schon mal die Gelegenheit gibt etwas mit zu entscheiden.

Ergänzende Meldung aus aktuellem Anlass:

Wie die NWZ am 26. 10. 1013 meldete, stehen bei MitarbeiterInnen, die von einem Arbeitskräfteverleiher an den Schlachthof in Wildeshausen ("Kreienkamp") ausgeliehen wurden, nicht nur Lohnzahlungen aus, sondern auch das ganze Verleih-Unternehmen kurz vor der Insolvenz.

Original-Ton NWZ: "Der Personaldienstleister LOZ aus Vechta ist in Schwierigkeiten. Geschäftsführer Josef de Grandi erklärte auf NWZ-Anfrage am Freitagnachmittag, dass er am Montag Insolvenz anmelden wolle."

Dass MitarbeiterInnen in der Schlachtindustrie sich auf Löhne, Weiterbeschäftigung und sichere Erwerbsperspektiven nicht verlassen können, sondern darum streiten müssen, ist allseits bekannt. Und so ist es auch hier.

Wiederum hieß es in der NWZ: "«Leiharbeiter haben nicht den ihnen zustehenden Lohn erhalten», sagt Rechtsanwalt Johannes Brinkus aus Bakum. Er vertritt nach eigenen Angaben mehrere Spanier, die zuletzt an Kreienkamp ausgeliehen waren." … "Der LOZ-Chef bestreitet das nicht. «Wir haben zuletzt in bar ausgezahlt, was wir noch konnten.» Er schätzt, dass er den Mitarbeitern im Schnitt so um 120 Euro schuldet."

Johannes Brinkhus hält zudem die Angaben des Schlachthofbetreibers Walter Kreienborg, wonach bei ihm drei Viertel der Belegschaft aus Stammkräften bestehe, für unzutreffend.

Weitere Hinweise:

Den Bericht des Landesnetzwerkes Bauernhöfe statt Agrarfabriken zu Demo und Kundgebung, weitere Bilder sowie Hinweise auf die Medienresonanz findet Ihr hier.

Und so sah der Aufruf zu Demo und Kundgebung aus:

In Ahlhorn soll ein neuer Schlachthof für die Schlachtung von 200.000 Hähnchen täglich gebaut werden. Wir rufen mit dem Bündnis MUT auf, am Samstag zu demonstrieren, jetzt wo der Schlachthof noch nicht genehmigt und gebaut ist, denn “Vorbeugen ist besser als Bohren!”

Beginn: 11 Uhr, Dorfgemeinschaftshaus Ahlhorn, Katharinenstr. 15

Mehr Infos beim Bündnis MUT und beim Landesnetzwerk Bauernhöfe statt Agrarfabriken oder bitte gleich hier weiterlesen:

Fragt jemand: Was geht die von der ALSO das denn jetzt auch noch an?

Wir sagen:

Mega-Schlachthöfe, wie der derzeit für Ahlhorn geplante, produzieren Hunger, bedeuten gleichermaßen die Zerstörung vieler menschlicher Existenzen wie auch natürlicher Lebensgrundlagen – hier und in vielen weiteren Ländern – und basieren auf unwürdigsten Arbeits- und Lebensverhältnissen des Großteils der Menschen, die dort arbeiten sollen. Das sehen wir in der Fleischindustrie der Region, in der wir leben, schon heute. Das kennen wir von der Meyer-Werft in Papenburg, die sich ebenso wie die Schlachtindustrie durch die Ausbeutung von WerkvertragsarbeiterInnen über Wasser hält.

Mega-Schlachthöfe bringen noch mehr Arbeit zu Hungerlöhnen, Arbeit zu sklavenähnlichen Bedingungen, eine weitere Stärkung der Fleischmafia, die mit dem Ausbau ihrer Produktionskapazitäten den Verdrängungswettbewerb in ihrer Branche weiter anheizt. Verdrängung heißt: wo per Werkvertragsarbeit produziert wird, ist Tarifarbeit nicht mehr zu halten. Wo Billigstexporte der hier ansässigen Schlachtmafia in rund 80 Länder gehen, werden dort regionale wirtschaftliche Strukturen zerstört – und damit die Existenzgrundlagen der dort lebenden Menschen gleich mit. Noch mehr Armut, noch mehr Armutsmigration sind die Folge. Diese Armuts- und Elendsspirale können wir überall stoppen, wo sie sich weiter drehen will. Den Schlachthof in Ahlhorn können wir stoppen ehe er steht. Wie schon geschrieben: Vorbeugen ist besser als Bohren!

Beteiligt Euch an der Demonstration. Die Demo soll ein deutliches Zeichen setzen für die vom 21. 10.  bis 1. 11. stattfindende Bürgerbefragung im Kreis Großenkneten zur geplanten Schlachtfabrik und alle ermutigen, mit “NEIN” zu stimmen.

Nachfolgend der Aufruf des Bündnis MUT zur Teilnahme an der Demo am 19. 10. 2013 in Großenkneten-Ahlhorn:

Hallo zusammen,

etwa 55 neue Mastställe á 40.000 Tiere sollen durch den zusätzlichen Schlachthof in Ahlhorn entstehen. Alle Gemeinden im Umfeld sind betroffen. Diese neuen Ställe bringen:

  1. weitere Tierqual in der Haltung bei einer Besatzungsdichte bis 39 kg auf einem Quadratmeter (23 Tiere zu 1,7 kg),
  2. Antibiotika-Missbrauch und Resistenzen, die nach Mitteilung vom Robert Koch-Institut in Deutschland für jährlich 15.000 Tote verantwortlich sind,
  3. die durch die bereits bestehenden Mastanlagen entstehende Gülle wird teilweise dreimal übereinander ausgebracht und oben drauf kommen noch die Gärreste aus den Biogasanlagen,
  4. viele Gewässer, einschließlich Nordsee, sind durch die eingeleiteten Nährstoffe bereits kontaminiert. Die Schäden (alleine am Dümmer See 48 Millionen Euro) werden vom Steuerzahler bezahlt. Die Wasserkunden des OOWV zahlen über die Wasserentnahmegebühr 11 Millionen Euro für die Teilnahme der Landwirtschaft an einem freiwilligen Schutzkonzept.
  5. die für die Tiere notwendigen Futtermittel können nur noch zu einem Teil auf eigenen Ländereien angebaut werden. Der Rest kommt in der Regel aus Amerika. Soja und auch Mais aus Amerika ist in der Regel gentechnisch verändert und wird hier an die Tiere verfüttert. Fleisch, Milch und Eier von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden, brauchen nicht gekennzeichnet zu werden.
  6. Durch die Fleischerzeugung wird mehr CO2 erzeugt, als alle Transportmittel zusammen ausstoßen.
  7. Die Möglichkeit, einen fleischlosen Tag (internationale Bezeichnung Veggie-Day) in der Woche in Kantinen etc. anzubieten, vereinigt aktuell Israel und den Iran.
  8. In Südamerika werden ganze Wälder gerodet, um Ackerflächen für den Soja-Anbau für unsere "Nutz"tiere zu schaffen.
  9. Der Fleischverzehr stagniert in Deutschland seit Jahren um 60 kg/Jahr. (Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie). Die Fleisch-Umsätze lassen sich nur noch mit erheblichen Werbeaufwand halten.
  10. Die Schlachthöfe in der Nähe (z. B. Wietze) sind nur zur Hälfte ausgelastet.

Es kann doch nicht sein, dass nur wenige Bürger die Schädigung von Mensch, Umwelt und Tiere erkennen und sehen, dass die industrielle Tierhaltung keine Zukunft hat.

Also rafft Euch auf und nehmt an der Demo teil!

Mit MUTigen Grüßen

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