... kann ich mal die Butter haben?
Das freitägliche Frühstück in der ALSO
Das Jahr 1984. Nicht von George Orwell. Nein, sondern die
Entstehung (Gründung) des freitäglichen Frühstücks in den
Räumen des Arbeitslosenzentrums in der Kaiserstraße. Der Gedanke
war, nicht ausschließlich miteinander zu diskutieren, sondern
auch einmal die Woche in lustiger Runde sich bei Kaffee, Tee
und frischen Brötchen über dieses und jenes auszutauschen.
Im Laufe der Jahre hat sich das stark geändert. Denn von
den ALSO-Aktiven wird das Frühstück heute kaum noch genutzt,
was auch damit zusammenhängt, daß der Kreis der Aktiven kleiner
geworden ist. Durch Erwerbstätigkeit usw., was dazu führte,
daß die Aufgabenbereiche der einzelnen Leute größer geworden
sind und sich daher Termine und Angebote auch überschneiden.
Da die meisten ALSO-Aktiven von heute schon länger dabei
sind und dadurch einen Stand erreicht haben, der es Neuen
doch recht schwer macht, bei der ALSO einzusteigen, es aber
trotzdem eine ganze Reihe von Menschen gibt, denen die ALSO
gefällt und die dort auch gerne Angebote in Anspruch nehmen
möchten, ist das freitägliche Frühstück zu einer sinnvollen
Einrichtung gerade für diese Menschen geworden.
Frische Brötchen ohne ...
Das Frühstück beginnt um 9.30 Uhr und geht bis ca. 12.30
Uhr. Der Preis für ein Frühstück beträgt 3,50 DM. Jeder kann
dafür soviel Tee oder Kaffee trinken und essen, wie er möchte
oder der Magen es aufgrund des Behördenärgers zuläßt. Kinder
zahlen gar nichts. Für sie ist auch eine Spielecke vorhanden.
Leute die nicht frühstücken wollen, aber Gesellschaft möchten,
können Kaffee/Tee trinken (Preis 0,50 DM) oder sich einfach
dort aufhalten und z. B. lesen, schreiben usw.
3,50 DM sind natürlich nicht kostendeckend, was auch nicht
Sinn und Zweck sein kann. Denn gerade die Leute, die das Frühstück
in Anspruch nehmen, haben es in der Regel nicht so dicke mit
dem Geld. Aber trotzdem auch das Recht, wenigstens einmal
in der Woche auch von der Qualität her entsprechende Lebensmittel
(wie frische Brötchen, Gemüse usw.) zu sich zu nehmen. Wenn
Mann/Frau/Kind sich sonst noch nicht das nehmen kann, was
er/sie/es zum leben braucht (zusteht).
... pädagogisches Techtelmechtel ...
Das Frühstück wird weitestgehend - bis auf die organisatorischen
Sachen wie Einkaufen und die Zubereitung( Kaffee,Tee kochen
usw.) - sich selbst überlassen.
Was sich als sinnvoll herausgestellt hat. Denn so etwas wie
pädagogisches Techtelmechtel ist hier nicht angesagt. Das
wird durch die entsprechenden Ämter (Arbeitsamt, Sozialamt
usw.) schon zur genüge durchgeführt.
Denn Erwerbslose sind Menschen ohne erwerbsmäßige Arbeit,
aber keine Menschen, denen alles vorgegeben werden und durch
Scheingespräche z.B.eine Chance um jeden Preis auf dem Arbeitsmarkt
vorgegaukelt werden muß oder dergleichen mehr. Gewisse Anhaltspunkte
braucht natürlich jeder, wie z.B. das Schimpfen über die Behandlung
auf dem Sozialamt usw. Doch das findet sich von alleine beim
Frühstück.
Es scheint mir wichtig zu sein , daß eine Einrichtung wie
das Frühstück regelmäßig stattfindet und auch nicht von ständig
wechselnden Personen durchgeführt wird, sondern so, wie es
z.B. auch in Stammkneipen der Fall ist, wo in der Regel 1
- 2 Personen als Ansprechpartner auftreten, was dann auch
zu einer gewissen Konstanz bei der ganzen Sache führt.
Und somit gibt es natürlich auch gewisse Spielregeln z.B.,
daß angetrunkene, rumpöbelde Personen des Raumes verwiesen
werden, natürlich nicht auf Dauer. Es bekommt jeder/jede wieder
die Möglichkeit, auf ein Neues am Frühstück teilzunehmen.
Denn es kann eben passieren, daß jemand seinen Behördenärger
hier etwas unfair anbringt, z. B. rumschreit und anwesenden
Personen Vorwürfe macht, wofür diejenigen ja nichts können.
Wenn sich das nicht regeln läßt und ausartet, wird die entsprechende
Person eben gebeten zu gehen, für dieses Mal, aber jederzeit
bei entsprechendem Verhalten wiederkommen kann. Oder daß jeder
bezahlen muß. Ausnahmen gibt es natürlich: wenn kein Geld
vorhanden ist, kann später bezahlt werden oder auch ganz umsonst
gefrühstückt werden. Was aber als Dauereinrichtung nicht möglich
ist.
... am runden Tisch
Es darf auch nur an bestimmten Tischen geraucht werden und
nicht an dem großen Tisch, an dem gegessen wird. Ja, und so
kommen wir zum Sitzen, welches wie erwähnt an einem großen
länglichen Tisch stattfindet, welcher an den Enden abgerundet
ist (also keine Ecken hat), wo sich Mann, Frau, Kind nicht
anstoßen kann und das zu einer Situation führt, in mehr oder
weniger lustiger, auch mal hitziger Runde zu speisen.
Gespräche ergeben sich von selbst, je nachdem, wie einem
gerade der Sinn steht. (Beim Bohren in der Nase ist natürlich
Rücksicht zu nehmen auf das Wohlbefinden der gerade Frühstückenden;
es sollte von daher nur mit vorgehaltener örtlicher Tagespresse
getan werden.)
Abgerundet wird das alles durch Radiomusik im Hintergrund.
Das Gute ist eben das sich-Austauschen über alles, was von
Interesse ist. Es ist aber auch Raum vorhanden, einfach nur
zuzuhören und sich vielleicht im stillen über die gerade geäußerten
Sachen zu amüsieren.
Denn trotz rundem Tisch ecken diese oder jene Personen sich
schon mal gegenseitig an. So etwas regelt sich in der Regel
von selber, und es ist höchst selten notwendig, daß
die frühstückausführende Person dort schlichtend eingreift.
Das schöne bei diesen Zusammenkommen ist, daß Leute sich
auch näher kennen lernen, Kontakte schließen und sich auch
sonst später begegnen. Wichtig ist auch eben das gemeinsame
Frühstücken.
Zu vorderletzt für die jenigen, die es interessiert und die
mit Statistiken etwas an der Pudelmütze haben, ein paar Zahlen
und Daten.
Wobei sie im Sommer weniger getragen wird, denn auf Grund
von hoher Sonneneinwirkung ist es sehr zu empfehlen, in eine
Plastiktüte eingewickelte Eisstücke unter der oben erwähnten
Pudelmütze zu deponieren, die dann auch entsprechend zu kühlem
Kopfe führt, was etwaiges Schwitzen verhindert und zu einem
klaren Kopf beiträgt.
Statistik für die Pudelmütze
Der durchschnittliche Besuch umfaßt 8 Personen, Höchstzahl
15, die niedrigste Zahl betrug 4 Personen. Von den Menschen,
die sich zum Frühstück einfinden, sind ca. 1/3 Frauen und
ca. 2/3 Männer - Sozialhilfebezieher, Erwerbslose, ABM-Kräfte,
Jobber und auch Berufstätige, wobei letztgenannte eher wenige
sind. Von den FrühstückerInnen sind die meisten Stammgäste,
die entweder regelmäßig kommen oder in gewissen Abständen.
Der absolute Flautemonat ist der Sommermonat Juli, in dem
die teilnehmenden Personen am geringsten sind. Ansonsten ist
das Frühstück, bis auf einige wenige Hoch- und Tiefphasen,
gleichmäßig gut besucht. Alle Daten sind sogenannte Schätz-Werte,
entsprechen aber trotzdem dem vom Grundgesetz dazu eingerichteten
Paragrafen zum Schutz von regelmäßig stattfindenden Erhebungen
für erwerbslosenfrühstücksmäßige Schätzdaten in den entsprechenden
Einrichtungen.
Zu guterletzt noch ein Auszug aus den Bestimmungen zum Verhalten
beim Frühstücken in Arbeitsloseneinrichtungen.
Unter dem Motto: 1. Wer ein Brötchen ißt oder den Versuch
unternimmt, ein solches zu essen oder beim Ansehen desselben
erwischt wird oder bei unter 1. angeführtem Vergehen zuschaut,
wird mit nicht unter 25 Jahren Erwerbslosigkeit bestraft,
bei vollem Lohnausgleich.
Auch eine kritische Anmerkung darf hier nicht fehlen. Denn
obwohl allgemein für gut befunden und als sinnvolle Einrichtung
gesehen, muß festgestellt werden, daß bei der aktiven Durchführung
und Gestaltung des Frühstücks es an Unterstützung von seiten
der ALSO-Akiven mangelt. Das hat dann zur Folge, daß das Frühstück
häufiger ausfallen mußte. Ein weiterer Nachteil dabei: das
Frühstück ist kaum ausbaufähig, z.B. durch ab und an stattfindende
kulturelle Beiträge usw.
Macht mit !
Auch vom Arbeitsaufwand her ist es schwierig, die zu tätigenden
Dinge entsprechend zu gewährleisten, wenn es voll ist, denn
der Sinn bei dem Frühstück ist ja eben auch, wie oben schon
erwähnt, als Ansprechpartner usw. dazusein und nicht auf Kaffee-
oder Teekochen usw. beschränkt zu werden.
Für die Zukunft wäre von daher zu wünschen,
daß sich die eine oder andere Person finden würde, die Interesse
hat, das Frühstück aktiv mit zu gestalten. -pk-
aus 
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